Essayistisches, Persönliches

Welt aus den Fugen. Vom Umgang mit Schuld und Verantwortung in der Weltkrisengesellschaft – eine Rede

Schenken Sie, was sie an Güte besitzen, drei oder vier Menschen, nicht der Menschheit.

JosePh Roth

 Meine Damen und Herren, es gibt gute Gründe deprimiert zu sein:

  1. Zweieinhalb Jahre Corona-Krise haben Spuren hinterlassen. Neben den Corona bedingten Sterbefällen haben Depressionen, häusliche Gewalt, psychische Gefährdungslagen bei Kindern zugenommen. Die Gesellschaft ist in Teilen gespalten. „Corona“ hat die Polarisierung, die vorrangig in den sozialen Medien stattfindet, verschärft. 
  2. Das politische Klima in Deutschland und Europa ist angespannt. Wir haben es mit einem wachsenden Rechtsextremismus zu tun. Dessen verlängerter Arm hielt als rechtspopulistische Partei namens AfD im Jahr 2017 Einzug in den Bundestag. Hass und Antisemitismus gibt es inzwischen fast in allen europäischen Ländern 
  3. Die sozialen Gegensätze haben zugenommen. Laut Studienlage gibt es immer mehr Menschen, die auf die „Tafel“ angewiesen sind, manche Haushalte müssen drei Jobs am Tag erledigen, um sich einigermaßen über Wasser zu halten
  4. Die Klimakrise verschärft sich. Nicht nur die Flut im Ahrtal letztes Jahr, sondern auch die aktuellen Hitzewellen in Europa und Afrika geben beredt Auskunft darüber, dass wir auf der Kippe stehen. Das sagen jedenfalls die meisten Wissenschaftler, die sich mit diesem Thema befassen.
  5. Und nun noch die Ukraine, zu der ich mir allerlei Worte spare. Nur so viel ist zu sagen: Der von Putin angezettelte Krieg hat die europäische Friedensordnung, die immerhin 77 Jahre anhielt, pulverisiert. Wir stehen vor den Trümmern dessen, was die die Väter Europas wie Robert Schuman, Jean Monet, Charles de Gaulle, Konrad Adenauer und Willi Brand, um nur einige zu nennen, aufgebaut haben. Der Frieden in Europa ist allgemein gefährdet.

Liebe Zuhörer und Zuhörerinnen. Wir können die Liste noch beliebig fortsetzen. Gewiss ließe sich noch einiges Weiteres finden: z.B. das Artensterben, die Überbevölkerung oder die nach wie vor stattfindende Ausbeutung der Dritten Welt, deren Rohstoffe wir in der westlichen Welt immer noch und ohne schlechtes Gewissen für relativ wenig Geld beziehen, oder die latente Ernährungskrise in der Dritten Welt. Vielleicht gibt es ja etwas Spezielles, was Sie gerade besonders besorgt oder aufregt, aber ich will es erstmal dabei belassen. Meine Beurteilung der Lage jedenfalls lautet, dass wir in einer Zeit leben, in der das Politische und Gesellschaftliche mit Wucht zurückgekehrt ist bzw. auf uns zurückfällt. 

Wir können uns den genannten Themen, die uns alle angehen, nur schwer entziehen.

Täglich lesen wir davon in den Zeitungen, hören etwas davon in den Nachrichten, sehen etwas darüber im Fernsehen. Das mediale Präsenz der Krisen der Welt, in der Weltgesellschaft ist stärker als es jemals der Fall war. Bis vor kurzem noch schien es so, als könnten uns hier in Deutschland die Krisen in der Welt nichts anhaben. Wir dachten – vielleicht naiverweise – eine ganze Zeit lang, die Krise ist da draußen in der Welt, aber nicht bei uns. Nun aber spüren wir am eigenen Leib, dass es anders ist, dass uns fundamentale Veränderungen in den nächsten Dekaden dieses Jahrhunderts bevorstehen, wir also nicht nur von einer medial inszenierten, sondern von einer sehr realen Krise reden.  

Was das Management der Krisen, oder sollte man nicht besser sagen der „Weltkrise“? angeht, gibt es derzeit viele kluge Köpfe, die sich den Kopf zerbrechen. Wissenschaftler, Forscher, Fachexperten aus allen Richtungen, aber auch Politiker sind damit beschäftigt, den Klimawandel einzudämmen, Kriege zu beenden, die Inflation zu bekämpfen etc. . Auch gibt es zahlreiche Aktivisten und Aktivistinnen, die sich mit teilweise unkonventionellen Mitteln ungeduldig und zornig gegen den Klimawandel stemmen, um möglichst schnell etwas zu erreichen. Ich kann und will an dieser Stelle nicht beurteilen, was davon klug oder sinnvoll ist und was weniger. Ich lese Zeitung wie die meisten und informiere mich regelmäßig, versuche mir ganz allgemein ein Urteil zu bilden.

Ganz persönlich habe ich besonderen Respekt vor Menschen, die einen konkreten Beitrag zur Lösung all der drängenden Fragen der Zeit zu finden versuchen. Kreative und lebensnahe Ansätze wie der von Mohammed Yunus, dem berühmt gewordenen Wirtschaftswissenschaftler aus Bangladesch, der zahlreichen Menschen der sogenannten Dritten Welt, vor allem aber Frauen, durch das Konzept der Mini-Kredite eine Selbständigkeit und damit das existenzielle Überleben ermöglicht hat, finde ich bewundernswert. Sie lassen erkennen, dass neben der menschlichen Destruktivität sich immer auch die Kreativität durchsetzt und hoffentlich die Oberhand gewinnt. Elisabeth Lukas, die berühmte Frankl-Schülerin, sagt, dass das Gute über dem Bösen steht, beides nicht auf einer Ebene zu verorten ist, das Gute also die menschliche Destruktivität stets werthaft überragt.

Ja, es gibt sie nach wie vor und sie ist ungebrochen, die menschliche Kreativität. Der Mensch ist in der in der Lage, auch in krisenhaften Zeiten sein schöpferisches Potenzial, Gutes und Kreatives in Stellung zu bringen, trotz der Sinnlosigkeiten und Sinnwidrigkeiten, die überall und weltweit im Großen wie im Kleinen stattfinden. 

Aber, so könnte man einwenden, gibt es nicht auch viele Gründe, die einen zweifeln lassen an der Welt und am Sinn des Lebens überhaupt? Sollte man sich nicht damit abfinden, dass in der Welt die pure Sinnlosigkeit waltet, der wir nur wenig entgegenzusetzen haben? Angesichts all der Missstände, Katastrophen und Krisen: Bekommen da nicht alle diejenigen gerade recht, die uns schon immer sagten, dass das Leben an und für sich, unsere Existenz sowieso sinnlos sei, man nicht erwarten dürfe, dass das Leben gnädig mit der Welt und im Speziellen mit uns Menschen ist? Haben wir angesichts der sich derzeit überschlagenen Krisenereignisse überhaupt eine Zukunft vor uns? Oder ist es nicht so, wie es es neulich ein Bekannter von mir halb im Scherz meinte:  Es sei eh alles vergebens derzeit. Soll doch der Putin seine Atomraketen auf uns abfeuern, dann ist endlich Ruhe. Wir haben es ja nicht anders verdient!

„Wir haben es ja nicht anders verdient!“ Dieser Satz, klingt mir bis heute noch in den Ohren. Und natürlich fällt mir als logotherapeutisch Tätiger und Coach bei dieser Aussage Viktor Emil Frankl ein. Frankl hat sich schon als junger angehender Arzt mit den weltverneinenden Tendenzen seiner Zeit beschäftigt, die im Wien der 20er und 30er Jahre des letzten Jahrhunderts vermehrt zu Selbstmorden geführt hatten. Es beschäftigte ihn so sehr, dass er in den Jahren 1928-1931 mit anderen Kollegen und Kolleginnen in Wien Jugendberatungsstellen einrichtete, die sich zum Ziel gesetzt hatten, Jugendlichen einen Sinn in ihrem Dasein abzuringen. Im Jahr 1931 schaffte es die Initiative durch eine Sonderaktion tatsächlich, dass sich kein einziger Jugendlicher wegen eines schlechten Zeugnisses oder aus anderen Gründen das Leben nahm. Die Initiative war in jener schweren Zeit ein großer Erfolg.

Frankl prägte für die resignativen und weltverneinenden Tendenzen, die sich auch in mehr oder weniger bewussten Alltagsäußerungen und Lebenshaltungen kundtun, den Begriff des Nihilismus.

Für ihn war der Nihilismus Ausdruck einer Zeitgeistkrankheit, in der sich die existenzielle Verzweiflung des Menschen spiegelt. Der Mensch also, der keinen Sinn in seiner Existenz sieht, an der Sinnlosigkeit des Weltgeschehens leidet und sich deswegen mitunter in eine zynische und fatalistische Weltsicht flüchtet. Umgangssprachlich könnte man Nihilismus respektive den Fatalismus vielleicht wie folgt übersetzen: Alles Handeln hat keinen Sinn, es führt zu nichts. In der Welt waltet die pure Sinnlosigkeit, deswegen ist auch jedes Handeln zum Guten hin sinnlos. Die Welt ist nichts anderes als ein blindes, zufälliges Geschehen, in dem wir Menschen der Spielball sind. Ein bewusstes Agieren für oder gegen etwas ist zwar ehrenhaft, aber vergebens. Deswegen müsse man der Realität der Vergeblichkeit ins Auge sehen. Frankl sagte zu einem solch verstandenen Nihilismus einmal: „Der Nihilismus demaskiert sich nicht durch das Gerede vom Nichts, sondern maskiert sich durch die Redewendung ‚nichts als‘.“

Wie kann man nun aus einer existenziellen Sicht jenem krisenhaften Geschehen begegnen?

Was können wir mit dem Nihilismus in einer „Weltrisikogesellschaft“, wie es der Soziologe Ulrich Beck einmal treffend ausdrückte, und insbesondere, wenn er uns selbst hin und wieder küsst, indem wir uns verzweifelt fragen, was das alles für einen Sinn haben soll, entgegenhalten? Wie können wir uns selbst davor bewahren aufgrund des Leids und Elends in der Welt nicht noch dazu Opfer unserer eigenen Sinnlosigkeitsgefühle zu werden? Wie können wir der Verzweiflung und dem Leid der Welt bei uns selbst Einhalt gebieten? 

Das Geschehen von Leid, Schuld und Tod und die Verstrickung des Menschen darin, die zum menschlichen Leben gehören, nannte Frankl einst die tragische Trias. 

Solange wir leben, können wir uns als Menschen realistisch gesehen nicht ernsthaft vor der tragischen Trias bewahren. Jede Ideologie, die anderes behauptet, ist bisher kläglich gescheitert. Tatsächlich macht ein jeder von uns in seinem Leben unvermeidbar mehr oder weniger starke leidvolle Erfahrungen, jeder von uns macht sich – beabsichtigt oder unbeabsichtigt – in irgendeiner Form im Leben schuldig, und natürlich „Nichts ist so sicher wie der Tod“ wie ein bekanntes Sprichwort besagt. Frankl nannte die Trias tragische Trias, weil die Tragik im Leben ein schweres, schicksalhaftes von uns Menschen nicht beeinflussbares von Trauer und Mitempfinden begleitetes Leid ist. Die Trias ist tragisch, weil sie unvermeidlich ist, weil sie häufig mit Schmerzen einhergeht, gegen die der Mensch vergeblich ankämpft und weil sie den Menschen in einen nicht zu gewinnenden Kampf gegen den Tod hineinführt. Die tragische Trias konfrontiert uns zwangsläufig mit unserer menschlichen Ohnmacht, die ja bekanntlich das Gegenteil von Macht ist, die wir freilich viel lieber haben als die Ohnmacht.

Lassen Sie mich nun konkret werden und drei kleine Geschichten erzählen, die uns vielleicht lehren können mit der tragischen Trias in unserer Weltkrisengesellschaft einen Umgang zu finden. 

Die erste habe ich selbst erlebt, und sie ist mir immer noch sehr lebendig in Erinnerung: Ich war als junger Mann in den 80er-Jahren regelmäßig für längere Zeit in Frankreich. Ich wohnte als Gast im Haus der Eltern eines Freundes und saß im Sommer des Öfteren in einem offenen Wintergarten. Es handelte sich um einen ehemaligen alten Bauernhof, in dem am hinteren Ende auch ein alter Mann zur Untermiete wohnte, der die ersten Tage wortlos an mir vorüber ging. Eines Morgens aber sprach er mich an. Offensichtlich hatte er mitbekommen, dass ich Deutscher war. Dann erzählte er mir von seiner Zeit als Zwangsarbeiter in Deutschland, und dass er seit über 40 Jahren kein einziges Wort mehr mit einem Deutschen gewechselt hatte. Ich hörte dem Mann interessiert zu und fühlte mich geehrt, dass er mich an seinen Erfahrungen teilhaben ließ. Wir verstanden uns und waren uns trotz des Generationsunterschiedes und der unterschiedlichen Herkunft in jenem Augenblick nahe, und plötzlich standen dem Mann die Tränen in den Augen. Er sagte, ich solle als junger Deutscher folgendes wissen: Nicht alle Deutschen seien damals schlecht gewesen, die Familie in Karlsruhe, bei der er wohnte, jedenfalls wäre sehr anständig mit ihm umgegangen, für deren Kinder er fast wie ein Onkel war, und immerhin habe er nach seiner anstrengenden Zwangsarbeit in der Fabrik ein Dach über den Kopf gehabt und ausreichend zu essen bekommen. Nach einer Pause fuhr er schließlich fort: Man solle die Vergangenheit endlich ruhen lassen und stattdessen besser in die Zukunft blicken. Die deutsche und französische Jugend hätte nun die einmalige Chance, befreundet miteinander zu sein, anstatt sich zu bekriegen, und darauf komme es schließlich an. Zur Zeit des Krieges lag dieser Traum noch in weiter Ferne, jetzt allerdings könne man ihn verwirklichen. „Vive ‚l’amitié franco-allemande!“.

Mich hat diese Geschichte immer wieder beschäftigt. Der Mann hat mich nachhaltig beeindruckt. Aber was leite ich aus diesem Erlebnis, das nun fast 40 Jahre zurück liegt, mit Blick auf die tragische Trias heute ab? Nun, ich war als Jugendlicher unverhofft mit einer konkreten Leidensgeschichte eines Mannes konfrontiert, die im Namen eines Kollektivs, dem ich entstamme, fast vierzig Jahre zuvor verursacht worden war. Seine Erzählung ließ in mir anfangs ein Schuldgefühl aufsteigen. Ob er mir das ansah, weiß ich freilich nicht. Aber in dem Maße, wie wir uns freundlich und interessiert begegneten, ging es mir besser, vor allem als er sagte, dass er auf die Jugend baue und die Jugend, auch und vor allem die deutsche – an den Ungerechtigkeiten der Nazis keine Schuld träfe. Doch merkte ich intuitiv, dass für mich die Sache damit nicht erledigt war.

Viktor Frankls Ansicht war, dass es eine kollektive Schuld nicht gibt. Man kann nur für etwas Schuld haben, was man selbst angestellt hat. Die Zuweisung einer Schuld an ein ganzes Kollektiv bezeichnete er in einem Fernsehinterview einmal als „typisch nationalsozialistisches Gedankengut“. Frankl wurde mit seiner Ablehnung der Kollektivschuld leider allzu oft missverstanden. Manche warfen ihm vor, die Verbrechen der Nationalsozialisten damit zu relativieren etc.. Das aber war Frankls Absicht eben gar nicht. Im Gegenteil: Ihm war nur jene kollektivistische Sicht zuwider von d e n Deutschen zu reden, wenn von den Verbrechen der Nationalsozialisten die Rede war. Entscheidend ist immer das Individuum, sagt Frankl. Was hat das Individuum getan? Solange ein Individuum keine Schuld auf sich geladen hat, darf man ihm diese auch nicht subkutan unterschieben. 

Doch heißt das, dass wir damit aus dem Schneider sind, wenn wir einem Kollektiv entstammen, dass etwas Unrechtes getan hat bzw. Leid, Schuld und Tod zu verantworten hat, aber persönlich nichts dafürkönnen? 

Ich empfand das anders. Ich fühlte in mir eine Verantwortung. Und zwar gerade deswegen, weil ich Deutscher war. Der Mann ist im Moment unserer Begegnung mit seiner Leidensgeschichte konfrontiert worden, vielleicht hatte er sogar traumatische Erfahrungen gemacht, wer weiß? Natürlich war ich persönlich nicht schuld an seinem Schicksal, aber gewiss war ich als Deutscher der Auslöser seiner Erinnerungen. Ich spürte damals intuitiv, dass es nun auch von mir abhing, welches Bild sich der alte Mann nun von den Deutschen der Gegenwart machte, und ich einen kleinen Beitrag dazu leisten konnte, dass das Bild gut war. Ich hatte die Verantwortung für die Gestaltung der Gegenwartssituation. Welches Bild gebe ich als Deutscher ab? Was bewirke ich mit meiner Art und Weise, wie ich auf ihn reagiere? Wie reagiere ich auf seine durch die Nationalsozialisten, die ja zweifellos Deutsche und verbrecherisch genug waren, verursachte Leidensgeschichte? Und so habe ich mich bemüht.

Frankl lehnt die Kollektivschuld zwar ab. Was er aber unbedingt befürwortet, ist die Wahrnehmung von Verantwortung. Selbst wenn wir persönlich nicht schuld an der Sache sind, haben wir die Verantwortung dafür, wie wir mit dem Leid, dass verursacht wurde durch Menschen, die unserem Kollektiv entstammen, umgehen.  Etwas pathetischer gesprochen haben wir die „planetarische Verantwortung“ durch unser Verhalten, Leid abzuwehren und keine vermeidbare Schuld auf uns zu laden, wenngleich das seit der „Vertreibung des Menschen aus dem Paradies“ – wie wir wissen – schlechterdings unmöglich ist. 

Wir müssen uns nicht für etwas, was wir nicht angestellt haben, die Schuld geben, aber wir können für die Folgen eines Unrechts, das im Namen eines Kollektivs, dem wir angehören, haften und dafür nach unseren Möglichkeiten die Verantwortung übernehmen. Meine Verantwortung lag damals in der einfühlsamen Kommunikation und menschlichen Begegnung.

Lassen Sie mich gleich ein zweites persönliches Beispiel erzählen. Im Rahmen eines Beratungsprojektes hat mich vor ein paar Monaten ein Klient auf das Schloss Hartheim aufmerksam gemacht. Das Schloss liegt in der Nähe von Linz in Österreich. Das Schloss Hartheim ist allerdings kein normales Schloss. Es handelt sich um eines der insgesamt sieben berüchtigten Euthanasieanstalten, die man in Nazi-Deutschland benutzt hat, um sich vom sogenannten „unwerten Leben“ zu trennen. Von 1940-1945 sind in Hartheim 30.000 Menschen im Rahmen der sogenannten Aktion T4 von den Nazis euthanasiert worden. Gemeinsam haben wir Schloss Hartheim vor ein paar Wochen besucht uns dort die sg. Tötungsstraße angesehen. Ich erspare Ihnen die Beschreibung der Grausamkeiten im Detail. Was allerdings Erwähnung finden sollte, ist, dass Pfleger, Verwaltungsangestellte und weiteres Personal auf engstem Raum miteinander lebten, Romanzen pflegten und sogar Feste miteinander feierten, während nur einen Stock tiefer in unmittelbarer Nähe zeitgleich Menschen vergast und ausgeschlachtet wurden. Hannah Ahrendt sprach einst von der „Banalität des Bösen“. Man kann mit Fug und Recht sagen, dass sich die Banalität des Bösen auch hier in Schloss Hartheim auf perfide Art und Weise zeigte. 

Nun, wir hatten das Glück, vor Ort von einer dort arbeitenden Historikerin durch das Schloss geführt zu werden. Nach Besichtigung der Tötungsstraße führte sie uns in einen anderen Trakt des Gebäudes, wo man mit viel Mühe, Leidenschaft und Feinsinn eine Ausstellung aufgebaut hat. Der Titel lautet „Wert des Lebens“. Der Besucher wird durch zahlreiche Räume hindurch geschleust. Zunächst ist die leidvolle Vergangenheit von Hartheim das Thema, aber dann mit jedem Raum mehr, den man durchläuft, wird die Ausstellung atmosphärisch heller, freundlicher und hoffnungsvoller, indem auf kreative Weise in verschiedenen Formen auf den Wert menschlichen Lebens, vor allem auf den Wert behinderten Lebens, aufmerksam gemacht wird. 

Schloss Hartheim, das einst eine Mordanstalt war, erfüllt nun also – neben dem Gedenken an seine grausame Geschichte – noch einen weiteren Sinn. Die Ausstellung lässt den Besuchenden erkennen, dass ein Mensch nicht nur ein Individuum sondern ein „in-summabile“ ist, wie Frankl in seiner zweiten These zur Person sagt.

Er ist und bleibt Person, selbst, wenn man ihr durch Stereotypisierung, Vermassung, Diskriminierung oder Vernichtung den Individuums Status entzieht. Jeder Mensch bleibt ein unteilbares einzigartiges Wesen. Die Ausstellung lässt die Menschen, die als Behinderte einst den Tod gefunden haben, wieder lebendig werden und stellt sie an die Seite der heute lebenden behinderten Menschen.

Auch hier in Schloss Hartheim stellt man sich so also seiner Verantwortung und geht mit dem Thema Schuld konstruktiv um.

Als letztes noch ein drittes Beispiel. Die Titelausgabe des SPIEGEL vom 6. August 2022, geht der Frage nach, wie viel Verantwortung eigentlich die russische Gesellschaft für Putins Kriegsverbrechen habe. Neben einer allgemeinen Beschreibung der Verfasstheit der russischen Gesellschaft ist unter anderem die beeindruckende Geschichte von Miijka Semenenko, die bis vor Kriegsaubruch in Moskau eine Szenebar betrieben hat, zu lesen. Semenko ist halb Russin, halb Ukrainerin.

Sie habe keine Luft gekriegt, sagt sie, als die ersten Nachrichten zum Ausbruch des Krieges Russlands gegen die Ukraine las. Sie litt mit den Menschen des Landes, aus dem ihr Vater stammte, und es plagten sie Schuldgefühle, bis sie dann eines Tages Hannah Arendt las.

Danach habe sie verstanden, dass es einen Unterschied zwischen Schuld und Verantwortung gibt. Auch Hannah Arendt meinte nach dem Holocaust ähnlich wie Frankl, dass es so etwas wie kollektive Schuld oder kollektive Unschuld nicht gebe. Der Schuldbegriff habe nur Sinn, wenn er auf Individuen angerechnet werde.

Frau Semenenko hat nun in Eriwan ein Lager gemietet für Kleidung und Medikamente. Sie hilft außerdem ukrainischen Familien in den besetzten Gebieten bei der Ausreise nach Westeuropa. Und sie hilft Ukrainern, die nach Russland verschleppt wurden, Russland wieder zu verlassen. Sie lässt sich dabei von ihrem Gewissen leiten: „Jeden Mittwoch geht sie in den botanischen Garten. Sie sagt, sie habe ein schlechtes Gewissen, weil Russland auch Armenien kolonisiert habe. Sie schleppt Erde, stutzt Büsche, pflanzt Salbei, Lawendel. Das ist ihr Weg aus der Schuldfalle“ (DER SPIEGEL NR. 32, 6.8.2022). Ist das nicht wunderbar? Hier zeigt sich, wozu der menschliche Geist in der Lage ist. Der Mensch ist das einzige Wesen, das sich selbst transzendieren kann, das in der Lage ist eine geistige Einstellung zu entwickeln, selbst unter den schwierigsten Umständen.

Kommen wir zum Schluss meiner Rede nun zur Frage, wie wir mit den neuen Risikolagen in der Weltkrisengesellschaft einen Umgang finden können. Die von mir erwähnten drei Beispiele, meine ich, zeigen unter anderem folgendes. 

Den Sinn des Augenblicks erkennen, anstatt über einen Über-Sinn nachzugrübeln

Es liegt an uns, ob wir uns lange mit der Frage aufhalten, ob die krisenhaften Geschehnisse in der Welt allgemein sinnvoll sind oder nicht. Ich meine allerdings, eine solche Frage kann uns nur in die Resignation führen. Ich persönlich kann keinen Sinn darin erkennen, dass Putin in Russland eingefallen ist. Ebenso sehe ich keinen Sinn darin, dass der Klimawandel ganze Landstriche bedroht etc.. Die Frage nach einem Über-Sinn des Ganzen können wir als Menschen nicht beantworten. Genauso wenig wie die Biene nicht wissen und erfassen kann, wie es einem Fisch im Wasser ergeht, wie eine Katze nicht wissen kann, warum sie in einem Zimmer eingeschlossen werden muss, wenn ein Hund in der Nähe ist, der sie totbeißen könnte, so kann der Mensch den Über-Sinn nicht erfassen. Doch, was wir uns überlegen können, und das zeigen die drei Beispiele meines Erachtens sehr schön, wie wir in einer Krise handeln können. 

Es geht bei der Sinnsuche nicht um die Entdeckung des letzten Über-Sinns oder den Sinn des Lebens überhaupt, sondern viel schlichter um das, was man als Logotherapeut den Sinn des Augenblicks nennt. Wir Menschen sind sinnorientierte und sinnbegabte Wesen, somit können wir in unserer jeweils konkreten Lebenssituation überlegen, wie wir persönlich auf die Gegebenheiten reagieren. Anstatt uns in einen diffusen Fatalismus zu ergehen, mit dem wir uns vielleicht noch selbst bemitleiden, scheint mir die Frage lebensnäher „Wie kann ich, wie können wir trotz systemischer Verstrickungen in der Gegenwart einen Beitrag leisten, dass die Dinge sich zum Besseren wenden?“

Verantwortung übernehmen, anstatt sich in Schuldfragen zu verstricken

Ich denke alle drei Beispiele zeigen, dass es wohl weniger darum geht, sich selbst in kollektive Schuldgefühle zu verwickeln, wenn doch diese Art Schuldgefühle uns eher lähmen, anstatt zu motivieren. Ich behaupte, dass kollektive Schuldgefühle es sogar begünstigen, dass wir tatenlos bleiben. Wenn nicht ich, sondern das ganze Kollektiv schuld ist, dann bin ich schuldig und unschuldig zugleich. Schuldig, weil ich dem Kollektiv angehöre, unschuldig, weil ich ja nicht als Individuum angesprochen bin, sondern als Teil eines großen Kollektivs. So kann ich mich bestens darin verschanzen und vielleicht noch ein Opferlied dazu anstimmen, wenn ich noch dazu das Gefühl habe, von anderen schuldig gesprochen zu werden. Befreien wir uns also lieber von pauschalen kollektivistisch intendierten Schuldgefühlen, indem wir uns oder andere pauschal schuldig sprechen. Überlegen wir anstattdessen lieber, was wir z.B. der Klimakrise ganz persönlich entgegensetzen können.  Das eindrucksvolle Beispiel von Miijka Semenenko, zeigt wie man mit diffusen Schuldgefühlen umgehen kann und diese in verantwortungsbewusstes Handeln transformiert.

Persönliche Fähigkeiten und Talente einbringen

Wenn ich nun sage, jeder kann angesichts der Weltkrisenlage persönlich etwas tun kann, meine ich damit auch, dass wir am besten das tun, was uns selbst am besten entspricht. Nicht jeder kann Brunnen für die Dritte Welt bauen oder im Krieg als freiwilliger Sanitäter mitarbeiten. Es kommt eben darauf an, was wir persönlich tun können und welche Talente wir dabei einsetzen. Ich habe neulich von einer jungen Musikerin gehört, die während eines unfreiwilligen Bahnhofaufenthaltes wegen Zugausfall spontan mit ihrer Band auf dem Bahnsteig ein kurzes Konzert hielt und den Menschen, die ebenso von der Verspätung betroffen waren, einige heitere und gelassene Momente schenkte. Den Bahnsteig verwandelte sie und ihre Band für kurze Zeit in einen Konzertsaal.  

Verwandlung der tragischen Trias

Zuletzt komme ich gerne auf das „Rezept“ Viktor Frankls, der uns in seiner philosophischen Lehre einige Hinweise gibt, wie wir mit der tragischen Trias umgehen können, zu sprechen. Frankl sagt, dass wir als Menschen Leid, Schuld und Tod transformieren können. 

Wir können das unvermeidbare Leid, dem wir begegnen, direkt oder indirekt, in eine Leistung transformieren. Wir können dem Leid, sofern dies möglich ist, schöpferisch-konstruktive Werte entgegensetzen. Wir können aber auch etwas tun, um ein unausweichliches oder persönliches Leid besser auszuhalten, indem wir unsere Einstellungswerte überprüfen und in den Vordergrund stellen. Der berühmte  indische Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi hat, als er von den Massakern zwischen Hindus und Moslems erfahren hatte, angefangen in den Hungerstreik zu gehen. Er hörte solange nicht auf, bis die Unruhen sich legten. Er transformierte seine Ohnmacht nach seinen Möglichkeiten in eine leise Macht, denn weder Hindus noch Moslems wollten für seinen Tod verantwortlich sein. Ein extremes Beispiel, ich weiß, das aber zeigt, wozu der Mensch in seiner geistigen Daseinsform in der Lage ist. In der Krise geht es meines Erachtens vor allem darum, den Mut nicht zu verlieren, Hoffnung zu behalten und sich selbst und die Welt (bis zur letzten Sekunde) nicht aufzugeben. 

Wenn es um Schuld und schuldige Taten geht, können wir diese zwar nicht rückgängig machen, aber wir können Sie in Wiedergutmachung transformieren. Wir können uns wandeln, wenn wir das Gefühl haben schuldhaft in etwas verstrickt zu sein. Manche Menschen sagen, dass sie ihren Autofahrpraxis verändert haben. Sie fahren einfach weniger Auto, und zwar nicht allein wegen der erhöhten Benzinpreise, sondern weil sie einen kleinen Beitrag dazu leisten wollen, weniger CO2 in die Luft zu pusten. Ich kann aber auch ganz einfach, wenn ich jemanden persönlich verletzt oder gekränkt habe, sofern das noch möglich ist, um Entschuldigung bitten. Frankl sagt, dass Schuld, die jeden unausweichlich trifft, zur Wandlung aufruft. Eine schlechte oder dumm gelaufene Tat kann ich nicht mehr rückgängig machen, aber ich kann an anderer Stelle vielleicht dafür sorgen, dass ein Ausgleich erfolgt.

Zuletzt zum Tod. Der Tod ist etwas Unentrinnbares. Wir sollten uns dessen immer bewusst sein. Den Tod zu verdrängen, ist keine gute Idee, weil er ganz einfach zum Leben gehört. Sehen wir lieber der Tatsache ins Auge, dass wir eines Tages sterben werden. Die Zeit bis dahin sollte uns Ansporn sein zu verantwortetem Tun, wie Frankl sagt. Wir können als Menschen über den Tod hinausdenken, und deswegen ruft uns diese Fähigkeit dazu auf, verantwortlich mit uns, den Anderen und dem Planeten umzugehen.  Unsere Freiheit können wir dazu nutzen, gute Taten zu setzen. Frankl sagt, Verantwortung gibt es nicht ohne Freiheit, aber Freiheit auch nicht ohne Verantwortung. Jeder von uns kann in der Weltkrise auf seine Art mit seiner Begabung Verantwortung übernehmen. Wie wir das tun, liegt dabei in unseren ganz persönlichen Händen. 

Raimund Schöll

Ein Gedanke zu „Welt aus den Fugen. Vom Umgang mit Schuld und Verantwortung in der Weltkrisengesellschaft – eine Rede“

  1. Erich Ruhl-Bady sagt:

    Angesichts der realen vielfältigen verwirrenden Bedrohungen hat Raimund Schöll einen erhellenden und ermutigenden Beitrag verfasst.
    Ja, wir sind alle irgendwie verstrickt. Aber wir haben auch alle jene Räume der Freiheit, täglich oder mindestens häufig einen Unterschied zu machen. Nein, wir müssen uns nicht dem Fatalismus hingeben. Wie so angenehm oft, beruft sich Schöll auf
    den großen Humanisten Viktor Emil Frankl. Seine mannigfaltigen Ausweglosigkeiten in mehreren KZ-Aufenthalten in der Nazi-Zeit hat Frankl zu einem inneren Appell der Transformation genutzt – und der Menschheit hinterlassen.
    Es gibt keine Berechtigung zum Nihilismus, kein Recht zum Aufgeben. Im Gegenteil. Jeder und jede am speziellen, auch privaten, Platze, kann Glanzpunkte in die Welt bringen. Der Mut wächst im Tun. Wir haben die Pflicht, uns sowohl aus der Schuld als auch dem Unbeteiligtsein
    heraus zu entwickeln. Auch in kleinen Schritten. Vielleicht nur in kleinen Schritten. Wir können einen Unterschied machen. Schuld ist keine hilfreiche Kategorie. Verantwortung gepaart mit Freiheit allerdings schon.
    Die kleinen Schritte zu gehen, ist unsere Pflicht. Diese freie Entscheidung, diese seelische und intellektuelle Kreativität erzeugt Glanz, der auf einen selbst zurückfallen kann, mindestens gelegentlich.
    Danke, Raimund Schöll,
    diese wichtige Rede in CETONSCHERS BLOG.
    Erich Ruhl-Bady, Autor

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