Storys

Unendlicher Dank!

Eine Frau kam zu Herrn A. in die psychologische Praxis. Wortlos setzte sie sich auf die Couch des Therapeuten, nahm ein Glas voll Wasser, schüttete es ihm ins Gesicht und ging. Drei Monate später bekam A. einen freundlichen Brief aus der Schweiz: „Ihre Mann-Ablöse-Therapie hat angeschlagen. Unendlicher Dank!“

Randnotizen

Meinungsverweigerung

Er habe auch eine Meinung, sage sie aber nicht.
Er mache Gebrauch vom Recht der nicht gesagten Meinung.
In einer offenen Gesellschaft sollte jeder ein Recht auf Meinungsverweigerung haben. Sagt er.

Erdichtetes, Zitate

Uninteressante Menschen gibt es nicht

Uninteressante Menschen gibt es nicht.
Jeder hat seine Geschichte, sein Gesicht,
das nur ihm gehört. Ein jeder ein Planet:
So reich, und keiner, der ihm gleicht. Versteht:

Auch wenn einer unauffällig lebt,
der nichts als Unauffälligkeit erstrebt,
ist er unter allen andern dann
durch seine Unauffälligkeit interessant.

Jeder hat seine geheime Welt,
von einem schönsten Augenblick erhellt,
von einem schrecklichsten Tag versehrt:
und allen andern ist sie ganz verwehrt.

Und wenn ein Mensch stirbt, stirbt mit ihm
sein erster Schnee aus jener grauen Früh,
sein erster Kuss nachts und sein erster Zorn:
und all das nimmt er mit sich fort.

Bücher bleiben uns und Brücken, Kram
und Maschinen, Leinwände, gut gerahmt
Geschmeide und Gelumpe – vieles bleibt:
und alles andre zerfällt mit seinem Leib.

Das ist das Gesetz dieses rohen Laufs,
nicht Menschen sterben: Welten hören auf.
Wir weinen ihnen eine Träne nach
und erkannten sie nicht am hellen Tag.

Was wissen wir vom Bruder und vom Freund,
von ihr, die nah uns ist und ferne träumt!
Vom eignen Vater, Gesicht gegen Gesicht,
wissen wir, alles wissend, nichts.

Die Menschen gehen fort… Dann sind sie fort.
Ihre Welten sind ein toter leerer Ort.
Und jedesmal, und denk ich dein,
möchte ich über dieses Ende schrein.



Jewgeni Jewtuschenko (1932-2017)
Randnotizen

Montage

Ich könnte von Montagen berichten, die gut waren. Montage, an denen ich etwas vorwärts gebracht habe. Kompromisslose Montage, weil sie mehr als andere Wochentage radikal anfänglich sind. 

Zitate

Ohne Fahne

Der erscheint mir als der Größte,
der zu keiner Fahne schwört,
und, weil er vom Teil sich löste,
nun der ganzen Welt gehört.

Rainer maria Rilke

Randnotizen

Zu Bett

Das Zubettgehen. Es ist jedesmal
wie auf einer Zugreise: Du steigst ein in den Schlafwaggon
und bist gespannt, wo er dich hinbringt.

Essayistisches

Pöbelei

Pöbelei – in den sozialen Netzwerken, in Fußgängerzonen und seit neuestem auch in den Parlamenten. Wutentbrannte Gesichter und schrille Tonträger, die sich aus der Daueraufregung gegen andere zu nähren scheinen. Worum geht es da? Das fragt man sich, das frage ich mich bisweilen. Das Pöbeln hat das Überraschungsmoment, die Aggression auf seiner Seite. Pöbeln heißt Angriff – Krieg mit Kraftworten, könnte man auch sagen. Bepöbelt werden meistens Personen. Ideen allein jedenfalls nur selten. Wesentlich scheint mir die Verknüpfung des Pöbelns mit einem Denken des Oben und Unten. Der Pöbler katapultiert sich mangels Argumente mit seiner Pöbelei gefühlt in eine erhabene Position, in den Hochstatus gleichsam, während der Bepöbelte scheinbar seines Platzes verwiesen und in den Tiefstatus geschickt wird. Klein sollst du werden, du Geselle, der du mir vorher so übermächtig warst! Der Pöbler überwindet mit der Technik des Pöbelns sich selbst und vorübergehend das Gefühl der Kleinheit. Das Pöbeln ermöglicht dem Pöbler einen emotionalen Fahrstuhleffekt. Der Pöbler fährt sich gewissermaßen selbst ins oberste Stockwerk einer gefühlten Hierarchie und überwindet so seine enge Sphäre. Meist mit Gleichgesinnten an seiner Seite, seiner „Bande“, erzeugt er eine Art Höhenrausch. Wenn auch dieser naturgemäß ein großes Wolkenkuckucksheim ist. Und es gibt sie inzwischen zuhauf – die vielen Dauerpöbler. Sie brauchen den täglichen Pöbeltrip in möglichst hohen Dosen. Bloß nicht vom Höhenrausch herunter kommen, scheint das Leitmotiv. Die nüchterne Wirklichkeit ist längst zur Zumutung geworden.

Zitate

Siegen bedeutet nichts

Siegen bedeutet nichts, mein Junge. Siegen hinterlässt keine Spuren, ist nur Befriedigung. Verlieren ist Leben. […] Verlieren ist Leben, Siegen ist Tod, denn danach gibt es nichts mehr. 

Cees Noteboom