Erdichtetes

Am Brunnen der Zeit

auf einer treppe
sitzend
unter mir ein brunnen
über mir die schlanken beine
einer jungen frau
flüsternd
der wind
vom brunnen
ein plätschern
marschierend
die unseligen flaggen am mast
über dem platz
mussolinis schergen
rhythmisch dumpf
der brunnen so zärtlich
die Kinder
mit eistüten in der hand
neros rom
in flammen
cäsarenlorbeer
schwebt über der
ewigen stadt
geschichte

Erdichtetes, Zitate

Vergängliches

Vergängliches hat keinen minderen Wert. 
Vergängliches schafft Räume mit einzigartigen Gemälden, die wir gerne betrachten.
Vergängliches ist nur für das nicht gelebte Leben ein Verlust.

Manuela Janz, 2019
Erdichtetes, Zitate

Uninteressante Menschen gibt es nicht

Uninteressante Menschen gibt es nicht.
Jeder hat seine Geschichte, sein Gesicht,
das nur ihm gehört. Ein jeder ein Planet:
So reich, und keiner, der ihm gleicht. Versteht:

Auch wenn einer unauffällig lebt,
der nichts als Unauffälligkeit erstrebt,
ist er unter allen andern dann
durch seine Unauffälligkeit interessant.

Jeder hat seine geheime Welt,
von einem schönsten Augenblick erhellt,
von einem schrecklichsten Tag versehrt:
und allen andern ist sie ganz verwehrt.

Und wenn ein Mensch stirbt, stirbt mit ihm
sein erster Schnee aus jener grauen Früh,
sein erster Kuss nachts und sein erster Zorn:
und all das nimmt er mit sich fort.

Bücher bleiben uns und Brücken, Kram
und Maschinen, Leinwände, gut gerahmt
Geschmeide und Gelumpe – vieles bleibt:
und alles andre zerfällt mit seinem Leib.

Das ist das Gesetz dieses rohen Laufs,
nicht Menschen sterben: Welten hören auf.
Wir weinen ihnen eine Träne nach
und erkannten sie nicht am hellen Tag.

Was wissen wir vom Bruder und vom Freund,
von ihr, die nah uns ist und ferne träumt!
Vom eignen Vater, Gesicht gegen Gesicht,
wissen wir, alles wissend, nichts.

Die Menschen gehen fort… Dann sind sie fort.
Ihre Welten sind ein toter leerer Ort.
Und jedesmal, und denk ich dein,
möchte ich über dieses Ende schrein.



Jewgeni Jewtuschenko (1932-2017)
Erdichtetes

des nachts

des nachts
in der dunkelheit
das plätschern
des tauenden schnees
blaue stille
gelbe lichter
kurosawa’s träume –
die brücke
über der saône
und der zug
über der straße,
nahe dem bahnhof
in lyon

Erdichtetes

Kretische Nacht

Der Mond liegt halben rücklings in der Nacht,
sein Schein spiegelt sich fahl an der schwarzen Meeresoberfläche,
die rot blinkenden Leuchten der Windräder am Horizont,
von den Talenden her das Bellen der Hunde, das leise verhallt,
eine leichte Brise weht durch die Palmenwedel gleich neben mir,
der Mond sinkt tiefer und tiefer,
sein warmes Licht auf dem schwarzen Wasser verglimmt,
während die Sterne kühl das Himmelszelt ausmessen.