Storys

Gruß

Zwei alte Damen sitzen im Straßencafé. Ich kenne sie nicht, grüße sie. Sie grüßen zurück, sie freuen sich. Ich freue mich.

Storys

Fassadenarbeit

Fassadenarbeit ist anstrengend. Nicht nur an Außenmauern von Gebäuden. Weil es der Gatte so wollte, hatte sie jahrtzehntelang ihre Energie darauf verschwendet. In der Therapie stellte sie ernüchtert fest, dass ihr selbstloser Einsatz auf Kosten der persönlichen Inneneinrichtung ging.

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Die Aufdeckung

Husenkamp steht inmitten zweier Kartoffelfelder an einer einsamen Landstraße. Über eine Stunde schon steht er Spalier, reckt seinen blassen Daumen den wenigen vorbeikommenden Autos entgegen. Seine Limousine – heute war er ohne Fahrer unterwegs – machte kurz klack, klack. Im Nu leuchtete die Alarmlampe – dann der Totalausfall. Ein unvorhersehbares unkalkuliertes Ereignis, und das mitten in der Einöde – irgendwo in Niederösterreich. Verflixt und zugenäht! Längst schon hätte er zur nächsten Vorstandssitzung sollen. Dann endlich ein kleines giftgrünes Auto, das anhält. Eine Frau in ärmellosem Kleid mit Perlmuttkette über dem blassen Dekolleté reckt ihm ihren qualligen Leib entgegen. Mit heiser rauchiger Stimme nöselt sie durchs geöffnete Fenster: »Bist du net da Gottfried?« »Ja, so heiße ich: Dr. Gottfried Husenkamp«, antwortet Husenkamp, sich die Krawatte zurechtrichtend. »Woher äh … kennen Sie meinen Namen?«»Duat nix zur Sache«, sagt die Frau. »Zoagst mir deinen Ausweis, woast scho wega da Sicherheit? Weil an jeden nehm i net mit.« »Ich dachte, Sie kennen mich?«, nuschelt Husenkamp, tut aber, wie ihm geheißen, und reicht der Frau seinen Ausweis. Lieber dieses entwürdigende Procedere als noch länger hier in dieser Einöde stehen. Die Zeit eilt, die Vorstandsitzung – schließlich muss gerettet werden, was zu retten ist! Beinahe feierlich nimmt die Frau das Dokument entgegen. Mit spitzen Fingern und gestrecktem Arm hält sie den Ausweis von sich weg, liest laut und langsam vor: »Dr. Gottfried Husenkamp …, am Böllufer 7 …, Hamburg. Na da schaug her. Dös gibt’s ja nedda! Acht Joahr is’ her, Gottfried. Hob is doch glei gwußt, als i die da stehn gsöhn hab«, tirilliert die Frau triumphierend. Schließlich reicht Sie den Ausweis Dr. Husenkamp wie Wechselgeld zurück. Mit schlitzigen Augen sieht sie ihn an und faucht: »Du oide Wöidsau, glabst fei ned, wia i die gsuacht hab. Überall hab i di gsuacht. Kennst mi denn nimma?«»Äh ja, ich weiß nicht, wenn Sie mich so genau fragen, ich wüsste nicht … Nehmen Sie mich jetzt vielleicht mit? Ich will Sie auch gerne bezahlen.« »Des glabst aber«, hallt es ihm schallend entgegen, »dass du mi zoist, boid und des adäquad. Wann’st jetzt nach am Anhaltspunkt suachst: I bin die Gabi von da Bärenbar, die’st ganz gern g’habt hast, immer. Bist dann nimma woin host und nimma kemma bist, dir’s wahrscheinlich z’ bläd worn is. Foit’s jezza as Zehnerl?«

Die Reifen quietschen, Vollgas wird gegeben – aber ohne Husenkamp. Hinten von der Rückbank schließlich fragt eine kindliche Stimme: »Mama, wer war’n des?«
»Dös war dei Vater, Klara! Da Herr Dr. Husenkamp. Ein feiner Mann.«


Raimund Schöll, Alltagsfluchten, 2017
Randnotizen, Storys

Kirchlein auf Wanderung

Oben im Tal, am Rande eines einsamen Bergdorfes in Südtirol, halte ich Rast an einem alten Kirchlein. Neugierig gehe ich um das Gemäuer herum, betrachte es von allen Seiten. Ein imposantes verwaschenes Fresko ziert den Eingang. Leider ist die Tür hinein verschlossen. Ich überlege, was dieses über tausend Jahre alte Gemäuer wohl schon alles erlebt haben mag.

Ich lese nach und bin überrascht über seine wechselhafte Geschichte. Unter anderem soll das Kirchlein im Lauf der Jahrhunderte schon als Schlafstatt für Pilger, als Lagerhalle für Getreide, als Geräteschuppen oder ganz allgemein als Abstellkammer gedient haben. Man fand also immer eine Verwendung. Auf diese Weise hat das Kirchlein überlebt.

Ich nehme die Sonnenbrille ab und reibe mir die Augen. Die vielen „Zweckentfremdungen“ amüsieren mich, ehrlich gesagt, und sie machen mich nachdenklich zugleich. Ich erinnere mich an Fälle, wo in Kirchen mangels religiösen Interesses inzwischen regelmäßig Flohmärkte und Rockkonzerte stattfinden. Dieser Bau aber scheint nun wieder zu dem zurückgekehrt, als was er seinem Ursprung nach gedacht war.

Alles hat seine Phasen, denke ich. Der Mensch war aus Überlebensgründen immer schon pragmatisch und nutzenorientiert. Andererseits leitet uns dieses unermüdliche Streben nach dem Höheren und Schönen. In diesem Sinne sind wir in höchstem Maße ambivalent und verstrickt zugleich. Hielte uns diese Spannung, die Spannung zwischen Pragmatismus und Idealismus, nicht mehr auf Trab, wären wir nicht mehr, was wir sind. Denke ich.

Randnotizen, Storys

Last der Buchstaben

Manchmal, wenn ich die Bücher meiner kleinen Bibliothek ansehe, denke ich: Mein Gott, was schon alles gedacht worden ist und noch gedacht werden wird! Ich nehme einen tiefen Atemzug, rieche dieses Aroma aus Romanen, poetischen und philosophischen Texten, großen und kleinen Geschichten, wissenschaftlichen Abhandlungen, atme aus, und ich sehe dann, wie sich tausende von Buchstaben und Satzzeichen als kleine und große Gedankenenzyme tanzend in der Luft bewegen. Staunend wie ein Kind , das den Seifenblasen hinterhersieht, betrachte ich das schwebende Schauspiel.

Aber mein Tagtraum verschwimmt gleich wieder, wenn mir zu Bewusstsein kommt, was Buchstaben bewirken können. Wie sie einerseits Wegweiser andererseits auch schon große Weltverführer waren, wie sie das menschliche Denken und Fühlen bereichern, bisweilen aber auch verwirren und vernebeln können. Wie man sich angesichts der Vielfalt und Unterschiedlichkeit von Beschreibungen, Weltsichten, Meinungen, Behauptungen und Deutungen auch ganz klein und nichtig vorkommen kann. Und all die Bücher erscheinen mir dann plötzlich als bedrohlich, rechthaberisch und selbstgefällig.

Und wieder eine Weile später sehe ich das Meer. Mein Meer. Ich gehe ganz absichtsvoll in Gedanken dorthin und erkenne dort einen Mann. Gelassen sitzt er auf auf einem Felsbrocken. Er blickt in die Ferne und schreibt. Und ich sehe, wie er dabei still seine innere Freiheit genießt.

Storys

Zauber

Da war diese große Pappel. Einsam und stolz stand sie an der Biegung eines versiegenden Bächleins. Wir nahmen unter ihr Platz und sahen den übermütigen Schwalben zu. Links und rechts Felder, die uns einrahmten und uns den Frühsommer in den Leib schrieben. Noch nichts war geerntet. Alles durfte wachsen, wie die alte Strickleiter über uns zur Baumkrone hinauf. Wer hatte sie wohl dort angebracht? Nur wenige Meter entfernt stand ein alter verrosteter Citroën in der bereits von der Sommerhitze angedörrten Wiese herum, umrankt von ein paar wilden Mohnblumen. Wir packten unseren Proviant aus: eine Flasche Wasser, etwas Käse, Wein und Brot. Von weitem war die Autobahn zu hören. Aber es tönte nicht, als ob eine hässliche Teergerade die Landschaft zerschnitt, sondern als würden nur die Blätter und der Wind zusammenrauschen. Wir ließen uns einnehmen von der Stimmung des Augenblicks, fühlten uns an Monet, Manet und Van Gogh erinnert, wähnten uns wie von Zauberhand vermählt mit der leuchtend flirrenden Landschaft aus Gelb, Grün, ein wenig Blau und sanftem Rot. War ich ein Bauer in einem impressionistischen Bild, der sich in der warmen Zeit abends und morgens säend und erntend mühsam über Felder bewegte, um im Winter zu überleben? Und sie eine Bäuerin? Oder waren wir ein städtisches Liebespaar, das, unbeschwert über Felder und Blumenwiesen laufend, die Sommerfrische genoss? Ich wusste es nicht mehr.

Irgendwann nach endlos langen Minuten schepperte es. Ein Traktor, Baujahr Vorkriegsmodell mit aufgepflanzter Mähdreschapparatur, hielt neben uns an. Der Fahrer, ein junger Bauer, bedeutete uns, den Platz unter der Pappel zu räumen. Proprieté privée! Also packten wir eilig unsere Sachen, gingen die 200 Meter zum Standstreifen der Autobahn zurück und fuhren, nachdem wir den geplatzten Reifen unseres Autos gewechselt hatten, weiter.

Noch heute erinnere ich mich gerne an diese Autopanne, damals in der Provence, dans le Midi, wie die Franzosen zärtlich sagen. Besonders wenn andere mir ihre Gewissheit vortragen, wir lebten heute in einer alles in allem entzauberten Welt.

Alltagsfluchten, 2017, S. 73

Raimund Schöll
Claude Monet
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Windschatten

Wir halten uns gern im Windschatten auf. Im Windschatten unserer Träume und unausgesprochenen Sehnsüchte, dachte er, als er aus dem Fluss stieg und ihr in der Hitze entgegenwankte. Er ließ sich neben ihr auf die Decke fallen, tropfnass und ausser Atem. Eine leichte Brise legte sich über sie und ihre Umschlingung. Im Schatten.

Bild von Tatyana Kazakova

Randnotizen, Storys

Stadtpalaver

Wenn ich mit Zeit durch die Straßen einer Stadt gehe, schaue ich gern den Leuten aufs Maul. Eine Angewohnheit, von der ich nicht lassen kann. Wortfetzen, Ausdrücke und Sätze rauschen dann wie eilige Karawanen an mir vorbei. Ein Wortbad quasi. Und manches davon beißt sich dann derart fest, dass es mich für eine Weile unterhält. Der aufgeschnappte Text will dann einfach nicht mehr weichen. Wie neulich jener Satz: „Das müssen wir uns wirklich nicht gefallen lassen!“ Dieser Satz beschäftigte mich. Ich fragte mich, was im Leben ich mir bisher gefallen lassen musste, gefallen lassen wollte, und was nicht. Was muss sich ein Mensch überhaupt von anderen Menschen gefallen lassen? Eine interessante Frage, mit der ich mir selbst auf die Spur kam, und die obendrein die noch wichtigere Frage nach der eigenen Lebensqualität berührte. So eine Stadtbummelei, die dem Stadtpalaver folgt, kann sich lohnen und ist mir auch in anderen Fragen schon eine passable Lehrmeisterin gewesen.

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Unendlicher Dank!

Eine Frau kam zu Herrn A. in die psychologische Praxis. Wortlos setzte sie sich auf die Couch des Therapeuten, nahm ein Glas voll Wasser, schüttete es ihm ins Gesicht und ging. Drei Monate später bekam A. einen freundlichen Brief aus der Schweiz: „Ihre Mann-Ablöse-Therapie hat angeschlagen. Unendlicher Dank!“