Essayistisches, Randnotizen

Stille

Der Begriff der Ruhe hatte oft etwas Negatives an sich – denkt man an die Friedhofsruhe, die Ruhe über den Schlachtfeldern, an das Ruhe-geben, wenn eine Autoritätsperson dies von einem verlangte – oder an die „Ruhe als erste Bürgerpflicht“ und so weiter. Auch die typisch deutsche Mittagsruhe, wenn man die Füße still halten sollte, weil der Nachbar sich in seinem Mittagsschläfchen gestört fühlen könnte, sorgte nicht gerade für entspannte Stimmung. „Ruhe“, so gebraucht, war stets mit Zwang und Verkrampfung verbunden, vor allem, wenn man sie unbedingt befolgen sollte.

Anders die Stille. Höre ich „Stille“, fallen mir ganz andere Phänomene ein. Ich denke an die Bergstille, die Meeresstille, die Windstille, die Winterstille, die Morgenstille, die Mittagsstille, die Abendstille, die Nachtstille. Oder die Stille, die entsteht, wenn man in einer Schweigeminute einer Sache gedenkt. Haltet still, ermahnte der Bio-Lehrer uns Kinder, wenn er wollte, dass wir den Geräuschen des Waldes nachlauschten. Es war ein positives, aufmunterndes Signal.

„Die größten Ereignisse – das sind nicht unsre lautesten, sondern unsere stillsten Stunden“, hat einmal ein Denker gesagt. Ich kann das bejahen! In der Stille hatte ich schon viele passable Ideen. Die Gedanken fingen an sich zu sortieren, wenn es still wurde. In der Stille merke ich am direktesten, wer ich bin und was ich brauche. Auch in einer gemeinschaftlichen Stille zu schweigen, brachte mich mir selbst und dem Leben schon näher. Wohl nicht umsonst sagen die Buddhisten: „Die Stille bringt uns zu dem zurück, was echt ist“. Abgesehen davon, dass man nur in der Stille ein Buch in Ruhe lesen kann.

Stille ist eine Qualität. Wenn ich Stille höre, höre ich das Leben schlagen. Stille frei gewählt, ist Lebenszeit ohne Zwang, ist Stille, die einem die Ruhe allein nicht schenken kann.

Wer also nach Ruhe verlangt, sollte dabei vielleicht die Stille nicht vergessen. Es ist nie zu spät, nach ihr zu suchen.

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