Storys

Zauber

Da war diese große Pappel. Einsam und stolz stand sie an der Biegung eines versiegenden Bächleins. Wir nahmen unter ihr Platz und sahen den übermütigen Schwalben zu. Links und rechts Felder, die uns einrahmten und uns den Frühsommer in den Leib schrieben. Noch nichts war geerntet. Alles durfte wachsen, wie die alte Strickleiter über uns zur Baumkrone hinauf. Wer hatte sie wohl dort angebracht? Nur wenige Meter entfernt stand ein alter verrosteter Citroën in der bereits von der Sommerhitze angedörrten Wiese herum, umrankt von ein paar wilden Mohnblumen. Wir packten unseren Proviant aus: eine Flasche Wasser, etwas Käse, Wein und Brot. Von weitem war die Autobahn zu hören. Aber es tönte nicht, als ob eine hässliche Teergerade die Landschaft zerschnitt, sondern als würden nur die Blätter und der Wind zusammenrauschen. Wir ließen uns einnehmen von der Stimmung des Augenblicks, fühlten uns an Monet, Manet und Van Gogh erinnert, wähnten uns wie von Zauberhand vermählt mit der leuchtend flirrenden Landschaft aus Gelb, Grün, ein wenig Blau und sanftem Rot. War ich ein Bauer in einem impressionistischen Bild, der sich in der warmen Zeit abends und morgens säend und erntend mühsam über Felder bewegte, um im Winter zu überleben? Und sie eine Bäuerin? Oder waren wir ein städtisches Liebespaar, das, unbeschwert über Felder und Blumenwiesen laufend, die Sommerfrische genoss? Ich wusste es nicht mehr.

Irgendwann nach endlos langen Minuten schepperte es. Ein Traktor, Baujahr Vorkriegsmodell mit aufgepflanzter Mähdreschapparatur, hielt neben uns an. Der Fahrer, ein junger Bauer, bedeutete uns, den Platz unter der Pappel zu räumen. Proprieté privée! Also packten wir eilig unsere Sachen, gingen die 200 Meter zum Standstreifen der Autobahn zurück und fuhren, nachdem wir den geplatzten Reifen unseres Autos gewechselt hatten, weiter.

Noch heute erinnere ich mich gerne an diese Autopanne, damals in der Provence, dans le Midi, wie die Franzosen zärtlich sagen. Besonders wenn andere mir ihre Gewissheit vortragen, wir lebten heute in einer alles in allem entzauberten Welt.

Alltagsfluchten, 2017, S. 73

Raimund Schöll
Claude Monet
Storys

Windschatten

Wir halten uns gern im Windschatten auf. Im Windschatten unserer Träume und unausgesprochenen Sehnsüchte, dachte er, als er aus dem Fluss stieg und ihr in der Hitze entgegenwankte. Er ließ sich neben ihr auf die Decke fallen, tropfnass und ausser Atem. Eine leichte Brise legte sich über sie und ihre Umschlingung. Im Schatten.

Bild von Tatyana Kazakova

Randnotizen

Menschsein

Wir müssen wieder radikaler werden, was das Menschsein angeht. Im Zeitalter des Geräteglanzes und der aseptischen Büros darf das Menschsein nicht unter die Räder kommen. Unsere Verpflichtung ist das Menschsein. Denke ich.

Randnotizen

Im Kloster

Knarzende Treppen, hohe Decken, der Geruch von altem Holz. Die Schutzmutter über dir. Ich habe schon manch Tag in solch klösterlichen Refugien verbracht. Die eigene Größe relativiert sich in Sekunden.

Randnotizen, Storys

Stadtpalaver

Wenn ich mit Zeit durch die Straßen einer Stadt gehe, schaue ich gern den Leuten aufs Maul. Eine Angewohnheit, von der ich nicht lassen kann. Wortfetzen, Ausdrücke und Sätze rauschen dann wie eilige Karawanen an mir vorbei. Ein Wortbad quasi. Und manches davon beißt sich dann derart fest, dass es mich für eine Weile unterhält. Der aufgeschnappte Text will dann einfach nicht mehr weichen. Wie neulich jener Satz: „Das müssen wir uns wirklich nicht gefallen lassen!“ Dieser Satz beschäftigte mich. Ich fragte mich, was im Leben ich mir bisher gefallen lassen musste, gefallen lassen wollte, und was nicht. Was muss sich ein Mensch überhaupt von anderen Menschen gefallen lassen? Eine interessante Frage, mit der ich mir selbst auf die Spur kam, und die obendrein die noch wichtigere Frage nach der eigenen Lebensqualität berührte. So eine Stadtbummelei, die dem Stadtpalaver folgt, kann sich lohnen und ist mir auch in anderen Fragen schon eine passable Lehrmeisterin gewesen.