Randnotizen

Verachtung

Seine Verachtung lebt er leise aus, leiser jedenfalls als die Begeisterung. Aber nichts habe seine Verachtung mehr verdient als die menschliche Hybris.

Randnotizen

Beleidigt

Mir sind Leute begegnet, die schon beleidigt waren, noch bevor man sie beleidigt hätte. Das Beleidigtsein schien dem eingeschriebenen Gesichtsausdruck zu folgen.

Randnotizen

Glücksgefühle

Seine Glücksgefühle sollte man besser für sich behalten, denke ich, sie lieber still genießen, anstatt sie lautstark in alle Welt hinauszuposaunen. Dieses Seht-alle-her-wie-glücklich-ich bin-Gelärme – als ob es im Leben um den ständigen Beweis des eigenen Glücklichseins ginge?! Da sagen doch die Glücksgefühle: „Leck mich am Arsch!, wenn du das notwendig hast, verabschieden wir uns gleich wieder.“ Und dann bist du wieder unglücklich.

Randnotizen

Kleines Paradies

Jeder lebt in seinem eigenen Paradies. Das eigene Paradies ist die Vorraussetzung für ein gutes Leben. Hätten wir nicht alle unsere kleinen Paradiese, wäre es schlecht um uns bestellt. Jeder Mensch sollte daher sein eigenes kleines Paradies haben dürfen. Das eigene kleine Paradies ist ein Menschenrecht. Die Tatsache, dass es viele Leute gibt, die ihr kleines Paradies nicht finden, es vielleicht nie finden werden, muss uns traurig stimmen, ja, empören. Wer schon einige der vielen kleinen Paradiese der anderen erleben durfte, und fasziniert davon war, wie unterschiedlich und eigensinnig sie ausfallen können, kann nur zu dem Schluss kommen: Würdelos ist ein Leben ohne Paradies.

Randnotizen

Eine Befremdung

Leute, die edlen Rotwein vor ihren Kaminen schwenken und dabei mantraartig den angeblich ausufernden Sozialstaat beklagen, befremden mich. Sie haben mich immer befremdet.

Randnotizen, Storys

Stadtpalaver

Wenn ich mit Zeit durch die Straßen einer Stadt gehe, schaue ich gern den Leuten aufs Maul. Eine Angewohnheit, von der ich nicht lassen kann. Wortfetzen, Ausdrücke und Sätze rauschen dann wie eilige Karawanen an mir vorbei. Ein Wortbad quasi. Und manches davon beißt sich dann derart fest, dass es mich für eine Weile unterhält. Der aufgeschnappte Text will dann einfach nicht mehr weichen. Wie neulich jener Satz: „Das müssen wir uns wirklich nicht gefallen lassen!“ Dieser Satz beschäftigte mich. Ich fragte mich, was im Leben ich mir bisher gefallen lassen musste, gefallen lassen wollte, und was nicht. Was muss sich ein Mensch überhaupt von anderen Menschen gefallen lassen? Eine interessante Frage, mit der ich mir selbst auf die Spur kam, und die obendrein die noch wichtigere Frage nach der eigenen Lebensqualität berührte. So eine Stadtbummelei, die dem Stadtpalaver folgt, kann sich lohnen und ist mir auch in anderen Fragen schon eine passable Lehrmeisterin gewesen.