Essayistisches, Persönliches

Freud, die Illustrierten und ich – eine kritische Replik auf das Menschenbild der Psychoanalyse

Freud fasziniert, Freud erregt, Freud stößt ab. Regelmäßig erleben wir mediale Wellen, in denen über ihn und seine Psychoanalyse Bilanz gezogen wird. Die letzte fand zu seinem 160. Geburtstag 2016 statt. Es gibt wenig Psychiater und Psychologiepioniere, die so umstritten waren und es bis heute sind, wie der Wiener Nervenarzt, der mit seinem durchdringenden Blick fest im kollektiven Gedächtnis der westlichen Welt verankert ist. Seine berühmte Couch steht gleichsam ikonographisch – zumindest in der Öffentlichkeit –  für das Thema Psychotherapie.

Freud und vor allem seine Sprache sind mir schon früh in meinem Leben begegnet. Ich hatte bereits als Pubertierender ein großes Interesse am Menschen und las darüber alles, was mir dazu in die Hände fiel. Unter anderem stöberte ich gern in den Illustrierten meiner Mutter herum, bei denen mich eigentlich nur die Rubrik Psychologie interessierte. Bei uns zu Hause lagen die Illustrierten von „Bunte“ bis „Brigitte“ regelmäßig auf dem Tisch, und so war ich stets aufs Neue gespannt, was es wieder Spannendes über die psychologischen Aspekte des Daseins zu lesen gab. Besonders begeistert haben mich dabei die sogenannten Psychotests, anhand derer man herausfinden konnte, was für ein Typ man war, welche Lebenseinstellungen einem lagen, welche Stärken bzw. Schwächen man hatte, was der ideale Partner für einen wäre und so weiter. Aus heutiger Sicht war das, was man über sich erfuhr, zwar ziemlich dünn, aber damals erfüllte es seinen Zweck. Und natürlich gab es in all diesen Zeitschriften auch kleinere Essays zu lesen, in denen typisch psychoanalytische Begriffe wie das Unbewusste, Traum, Verdrängung, Projektion, Komplex und so weiter vorkamen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie meine Mutter im Zusammenhang eines Gespräches mit einer Freundin einmal das Wort Hemmung in den Mund nahm und ich stundenlang darüber nachdachte, was wohl damit gemeint war. Ich war damals ungefähr elf Jahre alt.

Bis heute ist Freud eine Figur, die in mir ambivalente Gefühle auslöst, was sicher vorrangig mit seinem Menschenbild zu tun hat. Freuds zentrale These ist, dass der Mensch primär durch unbewusst Psychisches, das sogenannte Unbewusste, regiert wird. Als unbewusst bezeichnet Freud die sogenannten Triebe (das Es), die dem Menschen nicht unmittelbar zugänglich sind, von denen er aber maßgeblich beeinflusst wird. Das Credo Freuds lautet sinngemäß: „Das Ich bildet sich nur ein, Herr im Hause zu sein.“ Die bis dahin gültige Annahme also, dass der Mensch ein Vernunftwesen ist, sich solidarisch verhält, Moral und Verantwortung kennt, Böses und Gutes, hat er mit dieser Behauptung massiv in Frage gestellt, was damals in einer alles in allem biederen Zeit der k. u. k. Monarchie, in der Freud noch eine längere Zeit seines Wirkens zubrachte, nur als unglaubliche Provokation aufgefasst werden konnte.

Das Unglaubliche, was Freud damals postulierte, war, salopp gesagt, dass wir uns nur sehr bedingt im Griff haben, wir uns zwar einbilden mögen, autonom und vernunftgesteuert zu handeln, in Wirklichkeit all unsere Handlungen und Unterlassungen jedoch viel mehr von jener irrationalen Instanz namens Unbewusstes abhängen, als uns das lieb ist. Für Freud ist es das sogenannte Es, das uns dominiert, und dieses Es ist vorrangig amoralisch, naturgetrieben, irrational, alles in allem also bloße Natur. Für Freud war der Mensch vorrangig ein Triebwesen, das sich nur akzidenziell von den Tieren unterscheidet. Die Rede ist vom Menschen als „Erdenmenschentier“.

Der Haupttrieb in uns, den Freud ausgemacht haben wollte, ist der sogenannte Lusttrieb. Der Mensch strebt danach, Lust zu verspüren und seine Lust zu verwirklichen, der ureigene Lebenszweck sei, seiner Annahme nach, also die Lustvermehrung[1]. Es ist schon erhellend aus meiner Sicht, dass Freud dieses Theorem auf der Basis seiner persönlichen Erfahrungen aufbaute, nämlich der, dass er als Kind sexuelle Lustgefühle gegenüber seiner Mutter verspürte. Später nannte er dieses Phänomen „Ödipuskomplex“. Der Ödipuskomplex besagt, dass das Kind zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr den gegengeschlechtlichen Elternteil sexuell begehrt und den eigengeschlechtlichen als Konkurrenten ansieht, den es zu „töten“ gelte[2]. Man liest, dass es für Freud wohl noch etliche Evidenzerfahrungen mit Patienten gegeben hatte, die ihn in seiner Vorstellung bestärkten. Aber alles allem ich finde es bezeichnend – und man könnte es durchaus ironisieren -, dass ein Forscher, der sich doch als vorrangig als Naturwissenschaftler verstand, seine Theorie mehr oder weniger spekulativ auf einer sehr persönlichen Erfahrung aufbaute. 

Die Psyche, so Freud, besitzt insgesamt drei Qualitäten, die er als bewusst, vorbewusst und unbewusst beschrieb, wobei der Antrieb des Menschen ist, vor allem seine unbewussten Bestrebungen zu realisieren. Freud sprach auch vom „psychischen Apparat“, der uns in seiner Unwillkürlichkeit leitet, was von einer eher mechanistisch-biologistischen Vorstellung der menschlichen Psyche zeugt. Für Freud war der Mensch ein höheres Tier, das seiner Biologie und seinen unwillkürlichen Prozessen mehr oder weniger ausgeliefert ist. Interessant ist, das sei in diesem Zusammenhang erwähnt, dass das Paradigma der Unwillkürlichkeit menschlichen Tuns auch in der heutigen Zeit in Teilen wieder en vogue ist und entsprechend verabsolutiert wird; unter anderem von namhaften Gehirnforschern wie Gerhard Roth, der in seinen Veröffentlichungen behauptet, der Mensch verfüge über gar keinen freien Willen. 

Das Individuum also, das durch sein Es unwillkürlich hin und hergerissen wird, muss nun in Schach gehalten werden. Dazu verhilft ihm die Instanz eines regulierenden Über-Ichs (Instanzenlehre). Die Tatsache, dass der Mensch so ganz gut durchs Leben kommt, hängt also weniger von seinem rationalen Ich ab, sondern vielmehr von der Über-Ich-Struktur, die seine triebhafte Natur in Schach zu halten versucht. Das Über-Ich steht für alles, was uns sozial in einer Gemeinschaft im größeren und kleineren Rahmen einschränkt und erzieht (zB. verhindere eine mehr oder weniger rigide Erziehung, dass wir unsere natürlichen Lust- und Aggressionsbedürfnisse verwirklichen). Die Ausbildung des Über-Ichs beginnt mit der elterlichen Erziehung. Und genau diese Spannung zwischen Lust und Aggression einerseits (Es) und deren Begrenzung andererseits durch eine domestizierende Kultur (Über-Ich), ist es, was uns letztendlich zum Spielball unserer selbst macht. Was den Menschen vom Tier unterscheidet, ist lediglich der kulturelle Rahmen (Überich-Struktur), den er sich (kraft seines größeren Frontallappens) gebastelt hat. Und Freud schlussfolgerte daraus, dass auf dem Boden eines dem (oft negativen) kollusiven Zusammenspiels der Instanzen die typischen Neurosen wie Hysterie oder Depression gedeihen, die er mit seiner „Redekur“ therapieren wollte. 

Den einzigen Ausweg, wie der Mensch sich „aus seiner selbst geschaffenen Unmündigkeit“ (Kant) befreien kann, sah Freud darin, dass er sich diesem ewigen Kräftespiel seines Inneren (durch „Seelenzergliederung“) stellen und bewusst werden müsse. Sein berühmter Leitsatz lautete entsprechend: „Wo Es war, soll Ich werden.“

Es könnten nun noch weitere Begriffe wie Übertragung und Gegenübertragung, Projektion etc. Erwähnung finden, um Freuds Denken zu veranschaulichen, ich möchte es an dieser Stelle aber dabei bewenden lassen.

Ich komme wieder auf meine Ambivalenz zurück. Sicher hat Freud bis heute recht damit, dass wir stark von unseren Emotionen, unserer Natur, getrieben werden, und wir uns nicht einbilden sollten, es sei in erster Linie unser Verstand, mit dem wir uns durchs Leben tragen. Bei vielen alltäglichen Entscheidungen wissen wir tatsächlich meistens erst ex post, warum wir sie so oder so getroffen haben. Auch ich glaube, wie Freud, dass es in einer guten Therapie (sowie auch in einem fundierten Coaching) unabdingbar ist, daher die Emotionen und Gefühle des Klienten miteinzubeziehen. Freud hat sich hier sicher einen Pionierstatus verdient, weil er einer der ersten war, der betonte, dass wir uns nicht zu sicher sein sollten über uns selbst, wir die Rationalität unserer Handlungen überschätzen, wir so Gefahr laufen, unsere Emotionalität zu unterschätzen.

Ein weiterer Punkt, der mich bei Freud einerseits fasziniert und abschreckt zugleich, ist, dass er einen bis dato völlig neuen und höchst eigenwilligen Sprachkosmos geschaffen hat, der heute in fast alle Gesellschaftsschichten eingesickert ist. Wer schon kennt z. B. den Begriff der Verdrängung nicht?! Gleichzeitig bereitet mir dieser Sprachkosmos ein tiefes Unbehagen. Ich bin im Verlauf meiner Karriere immer wieder auf die Erklärungsmodelle der Psychoanalyse gestoßen und jedes Mal aufs Neue war ich erschrocken darüber, wie Freuds Begriffe das Subjekt „verdinglichen.“ Menschliche „Störungen“ und psychische Probleme werden in der Psychoanalyse gleichsam als Ursache-Wirkungs-Geschehnisse abgehandelt: Eine rigide Erziehung z.B. sei die Ursache für spätere psychische Verformungen. Abgesehen davon, dass „Erziehung“ ein komplexes Geschehen ist und keinen statischen Zustand oder gar eine eindeutige Energie beschreibt, daher schon rein logisch keine Ursache von etwas sein kann, leugnet die Psychoanalyse de facto, dass der Mensch stets auch über einen inneren Freiheitsgrad verfügt. Dass der Mensch von Natur aus einen geistigen Spielraum besitzt, innerhalb dessen er sich über sich und sein inneres Geschehen, aber auch über seine möglicherweise als problematisch erlebte Erziehung in der Vergangenheit hinwegsetzen kann, wird von der Theorie der Psychoanalyse im Grunde negiert. Zwar gibt es ein ICH als Regulativ, für das Freud vorsah, „Herr im Haus“ zu sein, aber alles in allem scheint mir dieses Ich eher reaktiv angelegt. Die Psychoanalyse (und vor allem ihre Sprache) ist aus meiner Sicht daher – wie Viktor Frankl schon sagte – eine reduktionistische Theorie, der etwas Voreiliges, ja, bisweilen auch etwas Dogmatisches anhaftet. Nicht selten hören sich die Ausführungen von Psychoanalytikern in meinen Ohren wie ein „Kathechismus“ für Atheisten an. 

Dass Freud dem Individuum nicht allzu viel zutraut, wäre auch mein letzter und stärkster Kritikpunkt an seinem Bild vom Menschen. Freuds Ich scheint eingezwängt zwischen Trieben einerseits und den kulturellen Normierungen andererseits. Folgt man Freuds Ausführungen, entsteht der Eindruck, dass das Ich mehr oder weniger in permanente Abwehrkämpfe verwickelt ist. Zwar sehe ich auch, dass wir Menschen nicht selten mit uns im Clinch befinden, weil wir bestimmte Bedürfnisse nicht so einfach befriedigt bekommen, dass uns unser Unbewusstes regelmäßig Streiche spielt, z.B in Form von Träumen, Retraumatisierungen etc. und wir andererseits natürlich auch eingepresst sind in das Korsett des Sozialen, wir uns eingeschränkt erleben durch eine Art kulturellen Überbau (Über-Ich) und wir somit einer gewissen Prägung und Vornormierung nicht entkommen.[3] Meine Alltagserfahrung sowie die Erfahrung als Menschenberater haben mich allerdings gelehrt, dass der Mensch prinzipiell in der Lage ist, über den Dingen zu stehen. Das was Viktor Frankl mit den Begriffen Selbstdistanz und Selbsttranszendenz umschreibt, durfte ich immer wieder an anderen Menschen, sowie auch an mir selbst erleben: Die Möglichkeit sich zu überwinden, indem man seine Beschränktheit und Einschränkungen einerseits anerkennt, sie auf der anderen Seite aber auch relativiert, indem man sich fragt: Was soll ich jetzt tun? Wie entscheide ich mich? Was hat Sinn?

Ich halte die Idee, dass der Mensch ein Wesen ist, das von seinem Willen Gebrauch macht, für evident. Sowohl in meiner privaten als auch in meiner beruflichen Ethik will mir nicht einleuchten, wie ein konstruktiver Umgang mit Menschen funktionieren soll, wenn ich davon ausgehen müsste, dass das Gegenüber lediglich ein dschungeliger „psychischer Apparat“ ist. Ich erlebe den Menschen als das einzige Lebewesen, das fähig ist, aus seinem eigenen Inneren und kraft seines Geistes schöpferisch (noologische Dimension) zu handeln. Das ist es, was den Menschen vom Tier unterscheidet. Würde ich davon ausgehen, wie Freud es im Kern tat, dass der Mensch hauptsächlich damit beschäftigt ist, seine Natur zu verwirklichen oder gegen die triebfeindliche Kultur anzukämpfen und umgekehrt, würde ich mich vemutlich meiner Mitwelt sowie meinen Klienten gegenüber anders verhalten, jedenfalls nicht im Geiste eines humanistischen Weltbildes, das die Einzigartigkeit und Freiheit des Individuums ins Zentrum stellt. [4]

Trotz alledem hat die Psychoanalyse in meinem Denken einen festen Platz. Auch ich benutze nach wie vor Begriffe, die Freud geprägt hat, und über die ich schon als Pubertierender in den Illustrierten meiner Mutter gelesen habe und finde sie durchaus nützlich. Die Psychoanalyse Freuds hat eine interessante Sprache zur Veranschaulichung unseres Innenlebens erfunden. Überdies konnte ich etliches von den Nachfolgern Freuds wie Erich Fromm oder Arno Gruen lernen. Beide Psychoanalytiker, die sich gleichzeitig (mehr als Freud) als Sozialphilosophen und Gesellschaftskritiker verstanden und das Denkwerkzeug der Psychoanalyse auf deren Analyse übertragen haben. Fromm wie Gruen betonen, dass solange der Mensch sich seiner inneren Zerrissenheit, seiner „Dämonen“, nicht bewusst werde, er stets erneut Gefahr laufe, sich autoritären Machtstrukturen auszuliefern oder sich mit solchen überzuidentifizieren. Diese Gefahr sehe ich bis heute, und sie erhöht meine Wachsamkeit, wenn es – wie aktuell geschehend – um wieder aufkeimende neofaschistische Tendenzen und wiedererwachende Nationalismen in unserer Weltgesellschaft geht. Manche schrecken nicht einmal davor zurück, totalitäre Überwachungsstaaten wie China insgeheim zu bewundern. Aus Gründen halte ich daher die Psychoanalyse trotz aller Kritik an ihr nach wie vor für ein probates Denkmittel. Sie gemahnt uns, uns immer wieder mit unseren Reflexen und natürlich veranlagten Trieben, den darin potenziell enthaltenen destruktiven Handlungsmustern sowie mit unseren rigiden Über-Ich-Fantasien kritisch auseinander zu setzen.

Copyright Raimund Schöll


[1] Freud setzte später den Lusttrieb mit dem Streben nach Glück gleich. Glück war nach Freud also lediglich die Realisierung des eigenen Lustbedürfnisses.

[2] Freud ergänzte später seine Triebtheorie um einen neuen, nämlich den von Adler postulierten „Aggressionstrieb“, den er sogleich in den „Todestrieb“ (thanatos) umfirmierte 

[3] Als Soziologe habe ich mich jahrelang mit der Bedingtheit unserer Entfaltungsmöglichkeiten durch soziale Herkunft, Milieuzugehörigkeit und Habitus beschäftigt. Der große französische Soziologe Pierre Bourdieu stellt in seinem Werk „Die feinen Unterschiede“ auf der Basis empirischer Untersuchungen einzigartig dar, wie selbst unsere Geschmacksurteile von unserem sozialen Habitus und unserer Stellung im sozialen Raum abhängen.

[4] Freud argumentierte zwar, dass das Ich sich vom Es loslösen kann, also Herr im Haus werden kann, indem es sein Es genau erforsche, aber diese Argumentation ist logisch bedenklich, weil Freud selbst postuliert hat, dass das Ich ursprünglich dem Es entstammt. Wie soll also ein Ich das im Grunde ein Derivat des Es ist, das Es besiegen? Auf diesen Widerspruch hat auch Viktor Frankl sehr erhellend aufmerksam gemacht.

Essayistisches, Persönliches

Freud, die Illustrierten und ich – eine kritische Replik auf das Menschenbild der Psychoanalyse

Freud fasziniert, Freud erregt, Freud stößt ab. Regelmäßig erleben wir mediale Wellen, in denen über ihn und seine Psychoanalyse Bilanz gezogen wird. Die letzte fand zu seinem 160. Geburtstag 2016 statt. Es gibt wenig Psychiater und Psychologiepioniere, die so umstritten waren und es bis heute sind, wie der Wiener Nervenarzt, der mit seinem durchdringenden Blick fest im kollektiven Gedächtnis der westlichen Welt verankert ist. Seine berühmte Couch steht gleichsam ikonographisch – zumindest in der Öffentlichkeit – für das Thema Psychotherapie.

Freud und vor allem seine Sprache sind mir schon früh in meinem Leben begegnet. Ich hatte bereits als Pubertierender ein großes Interesse am Menschen und las darüber alles, was mir dazu in die Hände fiel. Unter anderem stöberte ich gern in den Illustrierten meiner Mutter herum, bei denen mich eigentlich nur die Rubrik Psychologie interessierte. Bei uns zu Hause lagen die Illustrierten von Bunte bis Brigitte regelmäßig auf dem Tisch, und so war ich stets aufs Neue gespannt, was es wieder Spannendes über die psychologischen Aspekte des Daseins zu lesen gab. Besonders begeistert haben mich dabei die sogenannten Psychotests, anhand derer man herausfinden konnte, was für ein Typ man war, welche Lebenseinstellungen einem lagen, welche Stärken bzw. Schwächen man hatte, was der ideale Partner für einen wäre und so weiter. Aus heutiger Sicht war das, was man über sich erfuhr, zwar ziemlich dünn, aber damals erfüllte es seinen Zweck. Und natürlich gab es in all diesen Zeitschriften auch kleinere Essays zu lesen, in denen typisch psychoanalytische Begriffe wie das Unbewusste, Traum, Verdrängung, Projektion, Hemmung und so weiter vorkamen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie meine Mutter im Zusammenhang eines Gespräches mit einer Freundin einmal das Wort Hemmung in den Mund nahm und ich stundenlang darüber nachdachte, was wohl damit gemeint war. Ich war damals ungefähr elf Jahre alt.

„DAS ICH BILDET SICH NUR EIN, HERR IM HAUS ZU SEIN.“

Bis heute ist Freud eine Figur, die in mir ambivalente Gefühle auslöst, was sicher vorrangig mit seinem Menschenbild zu tun hat. Freuds zentrale These ist, dass der Mensch primär durch unbewusst Psychisches, das sogenannte Unbewusste, regiert wird. Als unbewusst bezeichnet Freud die sogenannten Triebe (das Es), die dem Menschen nicht unmittelbar zugänglich sind, von denen er aber maßgeblich beeinflusst wird. Das Credo Freuds lautet sinngemäß: „Das Ich bildet sich nur ein, Herr im Hause zu sein.“ Die bis dahin gültige Annahme also, dass der Mensch ein Vernunftwesen ist, sich solidarisch verhält, Moral und Verantwortung kennt, Böses und Gutes, hat er mit dieser Behauptung massiv in Frage gestellt, was damals in einer alles in allem biederen Zeit der k. u. k. Monarchie, in der Freud noch eine längere Zeit seines Wirkens zubrachte, nur als unglaubliche Provokation aufgefasst werden konnte. 

Das Unglaubliche, was Freud damals postulierte, war, salopp gesagt, dass wir uns nur sehr bedingt im Griff haben, wir uns zwar einbilden mögen, autonom und vernunftgesteuert zu handeln, in Wirklichkeit all unsere Handlungen und Unterlassungen jedoch viel mehr von jener irrationalen Instanz namens Unbewusstes abhängen, als uns das lieb ist. Für Freud ist es das sogenannte Es, das uns dominiert, und dieses Es ist vorrangig amoralisch, naturgetrieben, irrational, alles in allem also bloße Natur. Für Freud war der Mensch vorrangig ein Triebwesen, das sich nur akzidenziell von den Tieren unterscheidet. Die Rede ist vom Menschen als „Erdenmenschentier“.

Der Haupttrieb in uns, den Freud ausgemacht haben wollte, ist der sogenannte Lusttrieb. Der Mensch strebt danach, Lust zu verspüren und seine Lust zu verwirklichen, der ureigene Lebenszweck sei , seiner Annahme nach, die Lustvermehrung[1]. Es ist schon erhellend aus meiner Sicht, dass Freud dieses Theorem auf der Basis seiner persönlichen Erfahrungen aufgebaut hatte, nämlich der, dass er als Kind sexuelle Lustgefühle gegenüber seiner Mutter verspürte. Später nannte er dieses Phänomen „Ödipuskomplex“. Der Ödipuskomplex besagt, dass das Kind zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr den gegengeschlechtlichen Elternteil sexuell begehrt und den eigengeschlechtlichen als Konkurrenten ansieht, den es zu „töten“ gelte[2]. Man liest, dass es für Freud wohl noch etliche Evidenzerfahrungen mit Patienten gegeben hatte, die ihn in seiner Vorstellung bestärkten. Aber alles allem ich finde es bezeichnend, – und man könnte es durchaus ironisieren – dass ein Forscher, der sich doch vorrangig als Naturwissenschaftler verstand, seine Theorie mehr oder weniger spekulativ auf einer sehr persönlichen Erfahrung aufbaute. 

Die Psyche, so Freud, besitzt insgesamt drei Qualitäten, die er als bewusst, vorbewusst und unbewusst beschrieb, wobei der Antrieb des Menschen ist, vor allem seine unbewussten Bestrebungen zu realisieren. Freud sprach auch vom „psychischen Apparat“, der uns in seiner Unwillkürlichkeit leitet, was von einer eher mechanistisch-biologistischen Vorstellung der menschlichen Psyche zeugt. Für Freud war der Mensch ein höheres Tier, das seiner Biologie und seinen unwillkürlichen Prozessen mehr oder weniger ausgeliefert ist. Interessant ist, das sei in diesem Zusammenhang erwähnt, dass das Paradigma der Unwillkürlichkeit menschlichen Tuns auch in der heutigen Zeit in Teilen wieder en vogue ist und entsprechend verabsolutiert wird; unter anderem von namhaften Gehirnforschern wie Gerhard Roth, der in seinen Veröffentlichungen behauptet, der Mensch verfüge über gar keinen freien Willen. 

Das Individuum also, das durch sein Es unwillkürlich hin und hergerissen wird, muss nun in Schach gehalten werden. Dazu verhilft ihm die Instanz eines regulierenden Überichs (Instanzenlehre). Die Tatsache, dass der Mensch so ganz gut durchs Leben kommt, hängt also weniger von seinem rationalen Ich ab, sondern vielmehr von der Überich-Struktur, die seine triebhafte Natur in Schach zu halten versucht. Das Überich steht für alles, was uns sozial in einer Gemeinschaft im größeren und kleineren Rahmen einschränkt und erzieht (zB. verhindere eine mehr oder weniger rigide Erziehung, dass wir unsere natürlichen Lust- und Aggressionsbedürfnisse verwirklichen). Die Ausbildung des Überichs beginnt mir der elterlichen Erziehung. Und genau diese Spannung zwischen Lust und Aggression einerseits (Es) und deren Begrenzung andererseits durch eine domestizierende Kultur (Überich), ist es, was uns letztendlich zum Spielball unserer selbst macht. Was den Menschen vom Tier unterscheidet, ist lediglich der kulturelle Rahmen (Überich-Struktur), den er sich (kraft seines größeren Frontallappens) gebastelt hat. Und Freud schlussfolgerte daraus, dass auf dem Boden eines dem (oft negativen) kollusiven Zusammenspiels der Instanzen die typischen Neurosen wie Hysterie oder Depression gedeihen, die er mit seiner „Redekur“ therapieren wollte. 

Den einzigen Ausweg, wie der Mensch sich aus seiner mehr oder weniger biologisch bedingten und kulturell verformten Unmündigkeit befreien kann, sah Freud schlussfolgernd darin, sich diesem ewigen Kräftespiel des Inneren durch „Seelenzergliederung“ (Psychoanalyse) zu stellen – sich dessen bewusst zu werden. Sein berühmter Leitsatz lautete: „Wo Es war, soll Ich werden.“

„Wo Es war, soll Ich werden.“

Es könnten nun noch weitere Begriffe wie Übertragung und Gegenübertragung, Projektion etc. Erwähnung finden, um Freuds Denken sowie auch sein Vorgehen bei der „Redekur“ zu veranschaulichen, ich möchte es an dieser Stelle aber dabei bewenden lassen.

Ich komme wieder auf meine Ambivalenz zurück. Sicher hat Freud bis heute recht damit, dass wir stark von unseren Emotionen, unserer Natur, getrieben werden, und wir uns nicht einbilden sollten, es sei in erster Linie unser Verstand, mit dem wir uns durchs Leben tragen. Bei vielen alltäglichen Entscheidungen wissen wir tatsächlich meistens erst ex post, warum wir sie so oder so getroffen haben. Auch ich glaube, wie Freud, dass es in einer guten Therapie (sowie auch in einem fundierten Coaching) unabdingbar ist, daher die Emotionen und Gefühle des Klienten miteinzubeziehen. Freud hat sich hier sicher einen Pionierstatus verdient, weil er einer der ersten war, der betonte, dass wir uns nicht zu sicher sein sollten über uns selbst, wir die Rationalität unserer Handlungen überschätzen, wir Gefahr laufen, unsere Emotionalität zu unterschätzen.

Ein weiterer Punkt, der mich bei Freud fasziniert und abschreckt zugleich, ist, dass er einen bis dato völlig neuen und höchst eigenwilligen Sprachkosmos geschaffen hat, der heute in fast alle Gesellschaftsschichten eingesickert ist. Wer schon kennt z. B. den Begriff der Verdrängung nicht?! Gleichzeitig bereitet mir dieser Sprachkosmos ein tiefes Unbehagen. Ich bin im Verlauf meiner Karriere immer wieder auf die Erklärungsmodelle der Psychoanalyse gestoßen und jedes Mal aufs Neue war ich erschrocken darüber, wie Freuds Begriffe das Subjekt „verdinglichen.“ Menschliche „Störungen“ und psychische Probleme werden in der Psychoanalyse gleichsam als Ursache-Wirkungs-Geschehnisse abgehandelt: Eine rigide Erziehung z.B. sei die Ursache für spätere psychische Verformungen. Abgesehen davon, dass die Erziehung ein komplexes Geschehen ist und keinen statischen Zustand beschreibt, daher schon rein logisch keine Ursache von etwas sein kann, leugnet die Psychoanalyse de facto, dass der Mensch stets auch über einen inneren Freiheitsgrad verfügt. Dass der Mensch von Natur aus einen geistigen Spielraum besitzt, innerhalb dessen er sich über sich und sein inneres Geschehen, aber auch über seine möglicherweise als problematisch erlebte Erziehung in der Vergangenheit hinwegsetzen kann, wird von der Theorie der Psychoanalyse schlichtweg negiert. Die Psychoanalyse (und vor allem ihre Sprache) ist aus meiner Sicht daher eine reduktionistische Theorie, der etwas Voreiliges, ja, bisweilen auch etwas Dogmatisches anhaftet. Nicht selten hören sich die Ausführungen von Psychoanalytikern in meinen Ohren wie ein „Katholizismus“ für Atheisten an. 

Die Möglichkeit und Fähigkeit ….sich selbst zu überwinden, indem man seine Beschränktheit und Einschränkungen einerseits anerkennt, sie auf der anderen Seite aber auch relativiert, indem man sich fragt: Was soll ich tun? Wie entscheide ich mich? Was will ich? Was wäre in meiner Situation sinnvoll?

Ein letzter Punkt meiner Kritik, die sich direkt am Vorherigen anschließt ist, dass Freud dem Individuum ganz prinzipiell wenig zutraut. Freuds Ich erscheint alles in allem als schwach, und es ist allein an seine psychophysischen Prozesse gebunden. Es befindet sich eingezwängt zwischen Trieben einerseits und kulturellen Normierungen andererseits. Zwar sehe ich auch, dass der Mensch sich nicht selten mit sich im Clinch befindet, weil er sich bestimmte Bedürfnisse nicht so einfach erfüllen kann, wie sein Unbewusstes oder was auch immer sich das wünschen, dass uns unser Es auch regelmäßig Streiche spielt (z.B in Form von Träumen, Retraumatisierungen etc.), wir natürlich auch eingepresst sind in das Korsett unserer Erziehung und Kultur und somit einer gewissen Prägung von außen nicht entkommen.[3] Meine Alltagserfahrung sowie die Erfahrung als Menschenberater haben mich allerdings gelehrt, dass wir durchaus in der Lage sind, uns selbst, also auch unseren inneren Prozessen zu widersprechen und Schöpferisches aus und unserer Situation zu machen. Das, was Freuds großer Gegenspieler Viktor Frankl mit den Begriffen Selbstdistanz und Selbsttranszendenz umschreibt, durfte ich immer wieder an meinen Klienten, sowie auch an mir selbst und meinen Mitmenschen erleben: Die Möglichkeit und Fähigkeit nämlich, sich selbst zu überwinden, indem man seine Beschränktheit und Einschränkungen einerseits anerkennt, sie auf der anderen Seite aber auch relativiert, indem man sich fragt: Was soll ich tun? Wie entscheide ich mich? Was will ich? Was wäre in meiner Situation sinnvoll?

Ich halte die Idee, dass der Mensch ein Wesen ist, das von seinem Willen Gebrauch macht, für evident. Sowohl in meiner privaten als auch in meiner beruflichen Ethik will mir nicht einleuchten, wie ein konstruktiver Umgang mit Menschen funktionieren soll, wenn ich davon ausgehen müsste, dass das Gegenüber lediglich ein dschungeliger „psychischer Apparat“ ist. Ich erlebe den Menschen als das einzige Lebewesen, das fähig ist, aus seinem eigenen Inneren und kraft seines Geistes schöpferisch zu handeln. Das ist es, was den Menschen vom Tier unterscheidet. Würde ich davon ausgehen, wie Freud es im Kern tat, dass der Mensch hauptsächlich damit beschäftigt ist, seine Natur zu verwirklichen oder gegen die triebfeindliche Kultur anzukämpfen und umgekehrt, würde ich mich vemutlich meiner Mitwelt sowie meinen Klienten gegenüber anders verhalten, jedenfalls nicht im Geiste eines humanistischen Weltbildes, das die Einzigartigkeit und Freiheit des Individuums ins Zentrum stellt. [4]

Trotz alledem hat die Psychoanalyse in meinem Denken einen festen Platz. Auch ich benutze nach wie vor Begriffe, die Freud geprägt hat, und über die ich schon als Pubertierender in den Illustrierten meiner Mutter gelesen habe und finde sie durchaus nützlich. Die Psychoanalyse Freuds hat eine interessante Sprache zur Veranschaulichung unseres Innenlebens erfunden. Überdies konnte ich etliches von den Nachfolgern Freuds wie Erich Fromm oder Arno Gruen lernen. Beide Psychoanalytiker, die sich gleichzeitig (mehr als Freud) als Sozialphilosophen und Gesellschaftskritiker verstanden und das Denkwerkzeug der Psychoanalyse auf deren Analyse übertragen haben. Fromm wie Gruen betonen, dass solange der Mensch sich seiner inneren Zerrissenheit, seiner „Dämonen“, nicht bewusst werde, er stets erneut Gefahr laufe, sich autoritären Machtstrukturen auszuliefern oder sich mit solchen überzuidentifizieren. Diese Gefahr sehe ich bis heute, und sie erhöht meine Wachsamkeit, wenn es – wie aktuell geschehend – um wieder aufkeimende neofaschistische Tendenzen und wiedererwachende Nationalismen in unserer Weltgesellschaft geht. Manche schrecken nicht einmal davor zurück, totalitäre Überwachungsstaaten wie China insgeheim zu bewundern. Aus Gründen halte ich daher die Psychoanalyse nach wie vor für ein probates Denkmittel. Sie mahnt uns, uns immer wieder mit unseren Reflexen und natürlich veranlagten Trieben, den darin potenziell enthaltenen destruktiven Handlungsmustern sowie mit unseren rigiden Überich-Fantasien kritisch auseinander zu setzen.


[1] Freud setzte später den Lusttrieb mit dem Streben nach Glück gleich. Glück war nach Freud also lediglich die Realisierung des eigenen Lustbedürfnisses.

[2] Freud ergänzte später seine Triebtheorie um einen neuen, nämlich den von Adler postulierten „Aggressionstrieb“, den er sogleich in den „Todestrieb“ (thanatos) umfirmierte 

[3] Als Soziologe habe ich mich jahrelang mit der Bedingtheit unserer Entfaltungsmöglichkeiten durch soziale Herkunft, Milieuzugehörigkeit und Habitus beschäftigt. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu stellt in seinem Werk „Die feinen Unterschiede“ auf der Basis empirischer Untersuchungen m. E. einzigartig dar, wie selbst unsere Geschmacksurteile von unserem Habitus und unserer Stellung im sozialen Raum abhängen.

[4] Freud argumentierte zwar, dass das Ich sich vom Es loslösen kann, also Herr im Haus werden kann, indem es sein Es genau erforsche, aber diese Argumentation ist logisch bedenklich, weil Freud selbst postuliert hat, dass das Ich ursprünglich dem Es entstammt. Wie soll also ein Ich das im Grunde ein Derivat des Es ist, das Es besiegen? Auf diesen Widerspruch hat u.a. auch Viktor Frankl aufmerksam gemacht.

Copyright Raimund Schöll

Essayistisches, Persönliches

Kontingenz und Selbstgefühl in Krisenzeiten

Photographed by J. D. Schöll

Neuerdings sitzen wir ja viel zu Hause statt im Büro, in der S-Bahn oder im Auto, begegnen uns über Videokonferenzen oder Telefon, dürfen nur noch zum Sport oder zum Einkaufen oder für einen Arztbesuch hinaus. Nahen physischen Kontakt haben wir nur noch zu den Allernächsten oder wir sind ganz allein. Und seit kurzem setzen wir uns sogar Masken auf, um uns gegenseitig nicht mit unseren Mundflüssigkeiten zu gefährden. So weit ist es also gekommen: Innerhalb kürzester Zeit sind wir in einen anderen Film geraten, in einen, dessen Ausgang wir nicht kennen.

Wir sind unsicherer geworden, haben Angst, ärgern uns, haben Zweifel, sorgen uns um uns und Andere, fürchten den Weltuntergang, hegen andererseits aber auch Hoffnungen auf Besserung, sehen sogar einen möglichen Weg in eine neue, positivere Phase, in die die Weltgesellschaft eintreten könnte.

Um uns zu beruhigen versorgt man uns mit Zahlen, Tabellen und Schaubildern, die Objektivität ausstrahlen, uns aber letztlich zusätzlich verunsichern, weil sie sich nicht selten wechselseitig widersprechen. Und selbst die vielen Experten, von denen wir doch die allerhöchste Sicherheit erwarten, schätzen ein und denselben Sachverhalt oft sehr unterschiedlich ein. Und die Politiker sowieso, die je nach Charakter, Interessen oder Parteizugehörigkeit die Lage anders beschreiben und bewerten.

Fest steht: Unsere Gewissheit, dass das Leben nun mal so ist wie es war, ist uns gehörig weggerutscht. Und wir wissen zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht wirklich, wie wir vor allem aus dem sogenannten Lockdown heil wieder herauskommen sollen. Die Situation ist im wahrsten Sinne des Wortes kontingent: Sprich, es könnte alles so oder auch anders sein, so oder auch anders ausgehen. Kontingenz (spätlat. contingentia „Möglichkeit, Zufälligkeit“) ist übrigens ein in der luhmannschen Systemtheorie gebräuchlicher Begriff, um die prinzipielle Offenheit und Ungewissheit menschlicher Lebenserfahrungen zu bezeichnen.

Ja, man kann sich über eben jene Kontingenz empören. Und die Empörungsbereitschaften wachsen bereits. Wir können uns empören über Politiker, die uns nicht bewahrt haben vor der Katastrophe. Wir können und darüber aufregen, dass nicht einmal die Experten mit einer Stimme sprechen. Wir könnten ganz allgemein nach Schuldigen suchen. Waren es nun China, die Fledermaus oder doch nicht ein Geheimbund, der im Labor das Virus produziert hat, um die Welt ins Elend zu stürzen, die uns aus dem bisherigen Leben gerissen haben, oder einfach nur tölpelhafte Menschen, die die Viren selbstvergessen und egoistisch weitergegeben haben: Skifahrer, Wanderarbeiter etc.?

Aber inzwischen frage ich mich, ob das der richtige Ansatz ist. Sind es wirklich allein die äußeren Begebenheiten, die uns diese ohnmächtige Lage beschert haben? Sind es wirklich allein diese unsicheren und ungeklärten Verhältnisse, die uns so verstören? Oder hängt es nicht auch von uns und der Frage ab, wie wir selbst gedenken, mit der Situation umzugehen?

Ich finde, wir könnten uns eingestehen, dass wir alle uns seit dem Ende des zweiten Weltkrieges bislang in relativ komfortablen Zonen bewegt haben. Ich persönlich frage mich ja schon länger: Wie konnten wir nur davon ausgehen, dass alles so bleibt, wie es ist oder schon immer war? Ist es nicht eine illusorische Vorstellung, das Leben mit Stabilität gleichzusetzen. Und ist es nicht normal, hin und wieder vom Leben, ja auch vom gesellschaftlichen Leben – diesmal mittels Pandemie -, gehörig durchgeschüttelt zu werden?

Klar, wir alle streben eine gewisse Stabilität an. Der Mensch ist mitunter strukturkonservativ, keine Frage. Aber vielleicht haben wir die Rechnung diesmal viel zu lange ohne den Wirt gemacht.

Das Leben an sich ist – wie schon festgestellt – alles in allem unberechenbar, und das war es vor Corona auch schon. Wir konnten uns nie ganz sicher sein: Wer eine All-inclusive-Reise antrat nicht, dass er heil wieder nach Hause kommt. Wer sich selbständig machte nicht, dass er damit nicht auch ein kleines Abenteuer startete. Wer auf den Weihnachtsmarkt ging nicht, dass ihn nicht irgendein Radikalinski dort in die Luft sprengte.

Ich frage mich aktuell, woher wir überhaupt genommen haben, das das Ziel des Lebens sein sollte, möglichst wenig verunsichert zu werden – weder von der Gesellschaft, von einzelnen Personen noch von der Natur. Was für ein Aberglaube anzunehmen, man hätte eine natürliches Anrecht auf ein unaufgeregtes, risikoarmes – ja sicheres- Leben fast wie bei einer Pauschalreise.

Und nun zu dem Punkt, der mir dabei besonders wichtig erscheint: Warum eigentlich suchen wir unser Heil, die Antworten auf unsere Fragen, ja die Sicherheit ganz allgemein immer so gern außerhalb von uns? Warum schielen wir so bereitwillig auf Tabellen und Zahlen, rufen nach Experten und Politikern, die uns von der Unsicherheit befreien mögen, und blicken gleichzeitig so wenig auf uns selbst? Können wir uns nicht etwa selbst ein Bild von den Dingen machen, die uns irritieren und verstören, und ein Selbstgefühl entwickeln, das uns hilft, durch Krisen und schwierige Situation zu kommen? Das Selbstgefühl als Instanz in uns, das ja, wie der Name schon sagt, bei uns selbst beheimatet ist und nicht im Außen liegt, also kein fremdes sondern ein eigenes Gefühl ist, das mitunter hilfreich zwischen Verstand und Affekt vermittelt.

Selbstgefühl entwickeln wir in uns, wir haben es – wenn wir uns darum bemühen – unmittelbar parat. Auch das Selbstgefühl kann mir sagen, wie ich mich „richtig“, verantwortlich und selbstbewusst durch diese Krise steuern kann. Tabellen, Experten und Politiker – gut, dass es das alles gibt, aber am Ende muss ich mit all dem leben, ich muss es denken und fühlen, kein anderer tut es für mich.

Ja, wir haben Angst, sind verunsichert, ja die Lage ist für viele von uns prekär. Ja, es geht mir vielleicht schlecht, weil ich nicht weiß, wie es weiter geht. Aber richtig ist auch: Ich bin noch am Leben, und ich habe meine Erfahrungen im Leben gemacht, und ja, ich weiß schon, wie ich mich in dieser Krise befähige, ermutige und mich selbst (was nicht ausschließt, das nicht auch gemeinsam mit Anderen zu tun) trösten kann. Ja, mich gibt es auch noch! Ich bin für mich selbst zuständig, mein eigener Experte und wer, außer mir selbst bitte, sollte am besten herausfinden können, wie ich mich in dieser Krise verhalten soll?!

Und wie verhält es sich mit der Schuld und den Schuldigen? Vielleicht könnte man sich da auf folgendes einigen: Am aktuellen Umgang mit dem Corona Virus sind wir entweder alle schuld oder keiner. Die Dummheit mancher Politiker (Gott sei Dank sind solche in der Minderzahl) ist auch unsere Dummheit. Wir haben sie schließlich gewählt. Die Meinungsvielfalt unter den Experten ist auch unsere Vielfalt, die wir nur allzu gut von uns selbst kennen. Schon im engsten Kreis der Familie ist man ja mal über Kreuz miteinander; in einigermaßen gesunden Familien ist das jedenfalls so. Man sollte all diesen Meinungen und Ansichten Raum lassen, selbst wenn es manchmal weh tut, ihnen zu folgen. Mich persönlich stört dabei gerade der Absolutismus so mancher, auch und gerade der Experten, denen ein prominenter Platz z.B. im Heute journal eingeräumt wird, die dort ihre Ansichten und Einschätzung verbreiten dürfen, und andere, die ein weniger dramatisches Bild von der Lage zeichnen, nicht in dem Maße zu Wort kommen, wie es meines Erachtens wünschenswert wäre.

Aber noch haben wir das Glück, in einer demokratischen Gesellschaft zu leben. In einer Gesellschaft, die darauf angewiesen ist, dass wir selber denken und fühlen, in der Vielfalt und Widersprüchlichkeit einen Stellenwert haben, ja sogar vorausgesetzt werden müssen. Demokratien setzen auf den mündigen Bürger. Und es hat Wert, dass jedem einzelnen Individuum etwas zugetraut und ja, bisweilen auch etwas zugemutet wird. Der Mensch, der, die Antworten in unsicheren Zeiten für seine Lebensführung auch in sich und für sich selbst findet und nicht allein auf das Außen oder den Experten angewiesen ist, um zu wissen wie er sich verhalten soll, ist meines Erachtens ein wesentlicher Eckpfeiler liberaler Demokratien. Es kommt eben auf uns alle und auch auf unser persönliches Selbstgefühl an, wie wir uns durch diese Krise bewegen, was wir glauben wollen und nicht glauben wollen, und wie wir das Ganze anschließend verarbeiten und auswerten werden. Wir werden diesbezüglich noch viel zu tun kriegen, denke ich. Auch nach der Krise. Unsere persönlichen Erfahrungen, unser Selbstgefühl – und beileibe nicht nur die Kennzahlen – werden uns dabei weiter helfen.

Raimund Schöll

Persönliches, Status

9.07

Ich bin Antifaschist aus Neigung. Schon früh war mir klar, dass ich auf der Seite des Guten und Schönen stehen wollte. So las ich begeistert Winnetous Geschichten und half meiner Oma die Taschen hochtragen.