Randnotizen

Wüstenstraßen

Wüstenstraßen haben mich meistens weiter gebracht, selbst wenn der Durst und der Hunger übermächtig wurden, und es in der Seele weh tat: Die Wüste vermochte mich nicht zu bezwingen. Ich wollte selbst nie zur Wüste werden. Das war der Antrieb.

Die europäische Geschichte denke ich vom Gefühl her in Klöstern, Bibliotheken, in Revolutionen und maurischen Mosaiken. Trost und Kraft fand ich oft in Gemälden und alten Gemäuern, in der mediterranen Sonne und in warmen Sommerwinden. In der Geschichte und in Gedanken an das Privileg, heute geboren zu sein. Die Geschichte des Okzidents ist auch eine Geschichte des Orients, eine Geschichte des Sterbens und der Wiederauferstehung.

Doch selbst der Buchdruck hat sie nicht zu verhindern vermocht: Die Grausamkeit. Sie lässt sich nicht ausrotten. Sie hängt in Steinritzen, alten Gemäuern, in vergrabenen Schlachtfeldern, Geräten und in Castingshows. Man muss sehen, wie man ihr entkommt. Und wenn sie dir im Antlitz begegnet: Nimm einen Spiegel und blick ihr ins Auge!

Zitate

Zum Schreiben hin

Die Bäume sind Alphabete, sagten die Griechen. Unter allen Buchstaben-Bäumen ist die Palme am schönsten. Vom Schreiben, wie es überfließt und sich abhebt dem Wurf ihrer Wedel gleich, hat sie die höhere Wirkung: das Herabsinken.

Roland Barthes, Über mich selbst


Randnotizen

Appell

Der Appell. Ein gern benutzter Griff in die Rhetorikkiste, der, was die praktische Wirkungsweise angeht, meist im umgekehrten Verhältnis zur Häufigkeit seines Gebrauchs steht.

Randnotizen, Storys

Last der Buchstaben

Manchmal, wenn ich die Bücher meiner kleinen Bibliothek ansehe, denke ich: Mein Gott, was schon alles gedacht worden ist und noch gedacht werden wird! Ich nehme einen tiefen Atemzug, rieche dieses Aroma aus Romanen, poetischen und philosophischen Texten, großen und kleinen Geschichten, wissenschaftlichen Abhandlungen, atme aus, und ich sehe dann, wie sich tausende von Buchstaben und Satzzeichen als kleine und große Gedankenenzyme tanzend in der Luft bewegen. Staunend wie ein Kind , das den Seifenblasen hinterhersieht, betrachte ich das schwebende Schauspiel.

Aber mein Tagtraum verschwimmt gleich wieder, wenn mir zu Bewusstsein kommt, was Buchstaben bewirken können. Wie sie einerseits Wegweiser andererseits auch schon große Weltverführer waren, wie sie das menschliche Denken und Fühlen bereichern, bisweilen aber auch verwirren und vernebeln können. Wie man sich angesichts der Vielfalt und Unterschiedlichkeit von Beschreibungen, Weltsichten, Meinungen, Behauptungen und Deutungen auch ganz klein und nichtig vorkommen kann. Und all die Bücher erscheinen mir dann plötzlich als bedrohlich, rechthaberisch und selbstgefällig.

Und wieder eine Weile später sehe ich das Meer. Mein Meer. Ich gehe ganz absichtsvoll in Gedanken dorthin und erkenne dort einen Mann. Gelassen sitzt er auf auf einem Felsbrocken. Er blickt in die Ferne und schreibt. Und ich sehe, wie er dabei still seine innere Freiheit genießt.

Randnotizen

Morgens in der Großstadt

Das Hotelzimmer sieht aus wie alle anderen Hotelzimmer in diesem Hotel auch: Flachbildfernseher an der Wand, schwere türkise Vorhänge, türkise Kissen, schwarzer Sessel, schwarzer Tisch, grauschwarzer Teppich. Mein Sakko hängt am Spiegel. Ich liege noch Bett, höre, wie eine Straßenbahn über die Schienen rollt, sehe durch den Fensterspalt auf die Straße. Gegenüber ein Laden mit der Überschrift: Relaxshop.